Stadtleben : Heiße Hütte, runde Hüften

Am kommenden Freitag leuchtet er wieder, der Wintergarten in der Potsdamer Straße Mit der Burlesque-Show „Black Flamingo“ wird das Varieté bis Silvester bespielt. Jetzt laufen die Proben

G,a Bartels
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Rot ist Trumpf. Regisseur Ralph Sun, hier bei den Proben zu „Black Flamingo“, schwärmt für das Varieté der zwanziger Jahre. Mit...

Der Dackel mit dem glitzernden Strasshalsband ist schon mal super. Flitzt über die Bühne, schlägt Purzelbäume ganz ohne Kommando, apportiert Zettel, die keiner haben will, und kläfft die Damenkapelle an.

Vorne ist das im Januar geschlossene Varieté Wintergarten in der Potsdamer Straße noch duster und verrammelt, hinten im Saal prunkt schon das Bühnenbild der neuen Show „Black Flamingo“ in sattem Purpurrot. Tänzerinnen, Techniker und Musiker wuseln bei den Proben zwischen den Stühlen und Tischen herum. So wie der Dackel, der doch nicht zur Show gehört, sondern zu Miss Evi.

Miss Evi ist als komisches Klavier- und Gesangsduo „Miss Evi und das Tier“ eine bewährte Berliner Varieté-Größe und mimt die Direktorin der freizügig-freakigen Künstlertruppe, um deren Geldnöte sich die mit Striptease, Tanz und Akrobatik verzahnte Rahmenhandlung in „Black Flamingo“ dreht. Im rot funkelnden Paillettendress lässt sie die drallen Schenkel blitzen und pfeift den Schlagzeuger an, der ihr zu laut in die Gesangsnummer trommelt. Er ist der einzige Mann in der Berliner Damenkapelle der Tenorsax tutenden Wuchtbrumme Lizzy Mélon.

Nächsten Freitag hat „Black Flamingo“ im Wintergarten Premiere. Da werden viele Augen auf das Pleitehaus mit dem großen Namen schauen und auf mehr als eine zeitweilige Wiederbelebung des noch immer komplett eingerichteten Amüsiertempels mit seinem elektrischen Sternenhimmel und dem stattlichen Goldzierrat hoffen. Immerhin produziert die Deutsche Entertainment AG von Peter Schwenkow die Burlesque-Show. Der war 1992 mit André Heller und Bernhard Paul Wintergarten-Chef, bis er das immer mal wieder ins Schlingern geratene Haus 2007 an eine Investorengruppe um Georg Strecker und den letzten Hausherrn Frank Reinhardt verkaufte. Doch Schwenkow sagt hartnäckig, dass es bei dieser einmaligen Bespielung bleibt.

Und die soll so richtig saftig werden. Unterhaltung „schlüpfrig und raffiniert“, verspricht Miss Evis Knecht, der Pianist „das Tier“, zu Beginn der Show. Die fetzige Kapelle jedenfalls macht deutlich mehr her als die Konservenmusik der letzten, finanzklammen Wintergarten-Shows.

Klamm mit Geld? Das sei weder in Rezessionszeiten noch überhaupt was zum Schämen, findet Ralph Sun, der 42-jährige Regisseur von „Black Flamingo“. Mit einem Mikro in der Hand turnt der Kahlkopf die Bühne rauf und runter und gibt seine Anweisungen. Das hätten die Künstler der gar nicht so goldenen Zwanziger in Liedern und Gags viel unverklemmter und freimütiger ausgedrückt, als das heute liefe – einer der Gründe, warum Sun ein Fan dieser Zeit ist. Im Friedrichsbau Varieté Stuttgart hat er als künstlerischer Leiter ebenfalls Burlesque-Shows inszeniert.

Ob er keine Angst hat, den Uraltzopf Zwanziger ausgerechnet hier in Berlin zu zitieren? „Nee“, platzt Sun los, „ich bin kein Max Raabe. Wir machen mehr, als die Zwanziger nur zu covern.“ Die New-Burlesque-Szene sei ein Lebensgefühl mit UndergroundÄsthetik, glaubt er und streckt seine tätowierten Arme vor. Mit plattem Strip, billigem Sex und öder Nostalgie hätten die ironisch-erotischen Burlesque-Shows nichts zu tun. Deswegen seien sie unter jungen Londoner Hipstern auch so angesagt.

Der lebende Beweis dafür trägt Glitzerbikini und versohlt gerade ihrer Kollegin Trixee Sparkle mit einem Riesenfederfächer den Popo: Tänzerin HoneyLulu, 30, lebte vor drei Jahren noch als unauffällige italienische Fotografin in der Londoner Off-Szene. Dort sah sie eine Burlesque-Show und tourt jetzt mit ihrer Erfolgsnummer „Storm in a Teacup“, einem Milchbad in einer Riesenteetasse, über die Varietébühnen der Welt. „It’s my vocation“ – meine Berufung – haucht sie und klimpert mit den künstlichen Wimpern.

Die im 19. Jahrhundert entstandene Unterhaltungsform „Burlesque“ feiert in Berlin seit ein paar Jahren auch im Admiralspalast, der Bar jeder Vernunft oder in Rockabilly-Clubs Revival. Dass sie kein Körperkult mit Perfektionswahn ist, gefällt Sandy Beach. Die Chefin der Berliner Burlesque-Comedy-Truppe „Teaserettes“ hat außer Busen auch Hintern und Hüften und schnupft in „Black Flamingo“ als derb-frivole Witwe die Asche ihres Mannes. Plastikfrauen seien hier nicht zu sehen, sagt sie, „das ist das Feministische daran“. Die männlichen Tänzer der „Teaserettes“ dürfen aber nicht auf die Wintergarten-Bühne. Nur komische Kerle wie Zwerg Oleg mit der Tröte.

„Leute, seid ihr heiß?“, brüllt Miss Evi zu röhrendem New-Orleans-Jazz in den Saal. Der Wintergarten schweigt, ist ja nur Probe. „Ich will, dass die Hütte brennt!“, setzt Rampensau Evi nach. Das wollen auch die Techniker und drechseln am sündigen Licht. Der Dackel hat sich verkrochen.

Wintergarten, Potsdamer Straße 96, Tiergarten, 2. Oktober bis 31. Dezember, Kartentel. 01805 – 44 70 und www.deag.de

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