Stadtleben : Herr der hoffnungslosen Schuhe

Von überall kommen die Kunden, und das oft schon seit Jahren: Denn Ömer Uzunöner rettet auch die erbärmlichsten Galoschen

Carmen Gräf
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Eine Institution.

Früher kam es schon mal vor, dass ein Kind schulfrei bekam, weil das einzige Paar Schuhe, das es hatte, beim Schuster war. Aus einer solchen Zeit scheint die Werkstatt von Ömer Uzunöner in der Crellestraße in Schöneberg zu stammen. Dort sieht es so aus, wie man sich einen Schusterladen in einem anatolischen Bergdorf vorstellt: In die Jahre gekommene Handwerksmaschinen surren vor sich hin, ein Sammelsurium an Schuhpaaren wartet auf seine Abholer, eine gemütliche Sitzecke mit Sessel und Tischchen steht zum Teetrinken bereit. Ömer Uzunöner steht hinter der Schleifmaschine und ruft fröhlich: „Ich komm’ gleich!“

Uzunöner ist ein kleiner Mann mit jeder Menge Lachfältchen um die Augen, dem man seine 73 Jahre kaum ansieht. Seit 13 Jahren hat der gelernte Schuhmacher seinen Laden in der Crellestraße und ist im Schöneberger Kiez längst eine Institution. Man sagt ihm nach, dass es keinen Schuh gibt, den er nicht reparieren könnte. Wenn man sich so umschaut, dann bezweifelt man das nicht.

Da stehen zum Beispiel Flip-Flops mit hauchdünnen, steinchenbesetzten, durchgerissenen Riemchen, sommerleichte Ballerinas, deren Sohlen sich abgelöst haben und derbe Treter, die eigentlich gar nicht mehr zu retten sind. Das Leder ist durchlöchert und die Sohlen sind fast bis zum Absatz abgegangen. Ein Kunde aus Kreuzberg hat sie vorbeigebracht. Ömer Uzunöner ist seine letzte Rettung. „Ich habe sie schon mehreren Schustern gezeigt“, sagt er, „die meinten, da sei nichts mehr zu machen. Aber ich liebe diese Schuhe und brachte es einfach nicht übers Herz, sie wegzuwerfen“. Uzunöner betrachtet das Paar eingehend und sagt dann: „Kein Problem. Ich werde von innen Leder einsetzen, dann nähen und neu besohlen. Sie werden nicht sehen können, was ich gemacht habe“.

Man sieht es tatsächlich kaum, wenn der Schuster geflickt, genäht oder geklebt hat. Stolz führt er seine hochbetagte Einzelstich-Nähmaschine vor. „Ah, eine schöne Maschine“, ruft er entzückt und tätschelt das Gerät wie ein geliebtes Haustier. „Um die 40 Jahre dürfte sie inzwischen auf dem Buckel haben und ist damit fast doppelt so alt wie meine Schleifmaschine.“ Oft ist sie in letzter Zeit allerdings nicht zum Einsatz gekommen, denn in den Sommermonaten laufen die Geschäfte eher mau. Erst jetzt, zu Herbstbeginn, kommen sie wieder in Schwung. Eigentlich könnte man meinen, dass die Leute durch die Wirtschaftskrise wieder mehr reparieren lassen.

„Ach was“, winkt Uzunöner ab, „die kaufen lieber billige Schuhe – die gibt es ja schon für 10, 20 Euro, und wenn sie dann kaputt sind, werden sie einfach weggeschmissen. Da lohnt sich keine Reparatur.“ Auch wenn es immer schwieriger wird, sich auf dem Markt zu behaupten, verschwendet der Schuster keinen Gedanken ans Aufhören. Solange es geht, will er weitermachen. Schließlich ging für ihn, der 1973 von der türkischen Schwarzmeerküste nach Berlin kam, mit diesem Laden ein Traum in Erfüllung. Doch bis es soweit war, arbeitete er zunächst bei Siemens in der Waschmaschinen-Produktion und danach bei Mr. Minit, wo man ihn durch 46 Filialen tingeln ließ. Inzwischen ist sein Leben recht beständig geworden. Zwischen 9 und 10 Uhr macht er seinen Laden auf und um 18.30 Uhr Feierabend. Er bleibt aber auch mal länger, wenn Kunden erst später vorbeikommen können.

Seine Klientel stammt vor allem aus Schöneberg, aber auch aus Steglitz, Charlottenburg, Kreuzberg und Neukölln. Viele bleiben ihm treu, selbst wenn sie umziehen, denn sie wissen schließlich genau, warum. „Meine Arbeit hält“, sagt er, „in 13 Jahren gab es nicht eine einzige Reklamation“. Für Ömer Uzunöner, den Handwerker vom alten Schlag, die schönste Bestätigung für das, was er tut und was für ihn der „beste Beruf“ ist, den er sich vorstellen kann.

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