Hertha BSC : Euphorie in Blau

Die Anhänger von Hertha BSC sind im Freudentaumel: Sie decken sich in Fanshops ein – und träumen von der Meisterschaft.

Christian van Lessen
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Siegessicher. Torsten Hanke und Sohn Nicolas im Fanshop des Hauptbahnhofs. -Foto: Uwe Steinert

Der kleine Nicolas schwenkt Sonntagmittag die Hertha-Fahne mit dem Berliner Bären. Nicht auf der Tribüne, sondern im Hertha-Fanshop im Hauptbahnhof. Er schwärmt vom gewonnenen Fußballspiel gegen Cottbus, vom ersten Platz in der Bundesliga, „mit so viel Abstand“. Auch andere Fans decken sich mit Zubehör ein, holen Karten fürs Spiel gegen Leverkusen. „Wir werden Meister“, sagt Nicolas, und Vater Torsten Hanke beschwichtigt: „Wir wollen mal den Ball flach halten.“ Aber auch seine Augen strahlen vor Begeisterung. „Ich habe die Vizemeisterschaft miterlebt, 1975“.

Florian Cardinal besorgt sich Anstecknadeln, die er verschenken will. Für ihn ist die Meisterschaft in Sichtweite. Er kommt aus Wedding und ist stolz auf den Ursprung des Vereins in seinem Bezirk. Kunde René Legde aus Marzahn will noch nicht an das „Wunder“ glauben. „Jetzt kommen noch schwere Spiele“, sagt er, aber wenn erst Hoffenheim geschlagen sei, dann sei die Meisterschaft nah. Er sucht neben dem Pantelic-Sortiment vergeblich nach einem Woronin-Schal.

Es wird richtig voll. Zwei ältere Damen kommen, entdecken Bettwäsche und Schirme, freuen sich über Eierbecher, Jacken aller Art, Baby-Kleidung, Schnuller, Taschen, Socken und Gläser, Plüsch-Herthinhos und die neue Damenkollektion. Sie fragen nach dem Buch, das eine der Frauen ihrem Enkel schenken will. Es heißt „Der Mann mit dem goldenen Fuß“. Dieser Fuß gehörte Hanne Sobeck, und der führte Hertha BSC 1930 und 1931 zur Meisterschaft.

Ein Zauberwort. Verkäuferin Julia Jehne spürt, dass sich die Fans große Hoffnungen machen. Beim letzten Sieg über Bayern gingen besonders viele Trikots über den Ladentisch. Aber sie merkt auch die Skepsis, das Unglaubliche zu glauben. Sie drapiert einen blauen Toaster mit Auftau- und Aufwärmfunktion ins Blickfeld. Er toastet den Vereinsnamen ins Brot. Hertha wird zunehmend zum Genussmittel, und im Laden ist die wachsende Zuneigung zu spüren. Die Fans haben mit dem Verein schwere Zeiten durchlebt, jetzt schwärmen sie von den Spielern und einem Trainer, der mit ihnen umzugehen weiß. Da kommt ein starkes Hertha-Gefühl auf.

Wo die Ursprünge des Clubs waren, am Gesundbrunnen, der „Plumpe“, wo einst das alte Stadion stand, gibt’s in Kneipen und Fanclubs am Sonntag nur ein Thema: Herthas Siegeszug. An der Behm-, Ecke Jülicher Straße schaut Hertha-Fan Werner Karzmierczak bei aller Freude traurig auf ein einstiges Zentrum des Vereins, das alte Stammlokal: eine bessere Ruine, eingezäunt und vermüllt. Doch die Stadt bleibt in Hertha-Euphorie. Um die Begeisterung auszudrücken, erscheint die traditionsreiche Zeitung „Fußballwoche“ heute nicht im gewohnten Grün, sondern erstmals in Hertha-Blau.

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