Hertha-Fankultur : Blau-weiße Leidenszüge

Hertha will keiner mehr sehen? Von wegen: 4000 Fans reisen mit nach Hannover.

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Sie halten die Fahnen hoch. Die Fans bleiben Hertha noch treu. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Arrogant ist Hertha! Langweilig sowieso! Und Tabellenletzter seit Monaten! Über den Fußballklub wurde in den vergangenen Wochen ziemlich üble Häme gekippt. Hertha steigt ab? Egal, wurde da am Tresen geätzt, geht doch eh keiner hin.

Und jetzt das: 4000 Fans der Hertha haben an diesem Samstagmorgen nichts besseres zu tun, als sich blau-weiße Thermosocken anzuziehen und ihrer großen Liebe hinterherzureisen – zum ersten Rückrundenspiel nach Hannover. Zwei ausverkaufte Fanzüge stehen am Bahnhof Lichtenberg bereit, etliche Busse am Olympiastadion, viele Autos sind vollgetankt. 4000 Fans werden unterwegs sein – so viele wie seit Jahren nicht mehr. Warum, bitteschön, so viel Euphorie für einen Klub, der vor gut fünf Monaten zuletzt ein Bundesligaspiel gewann?

„Es ist das erste von so vielen Endspielen für uns“, sagt Hertha-Fan Steffen Toll, „die Anspannung ist echt groß, aber auch der Stolz.“ Weil eben doch nicht alle in der Stadt die Hoffnung aufgegeben haben und im Mai, am letzten Spieltag, gegen den FC Bayern München das Unmögliche feiern wollen: „Das Wunder von Berlin“ – den Klassenerhalt.

Hertha-Fan Steffen Toll ist 37 Jahre alt, kommt aus Lankwitz, arbeitet in der Bankenbranche und ist der Chef des „Förderkreis Ostkurve“ (FKO), der Dachorganisation der Hertha-Anhänger. 600 ehrenamtliche Mitglieder hat der FKO, sie beladen am frühen Morgen die Züge mit 120 Kisten Bier, verkaufen die Getränke und haben in der Nacht „einige hundert Salamibrötchen“ geschmiert, alles für die wichtige Reise: „Wir wollen 90 Minuten Vollgas im Stadion geben, uns wird warm sein – mal sehen, was die da unten auf dem Rasen machen.“

Auch in der Geschäftsstelle von Hertha in Westend sind sie ziemlich überrascht über so viel Resonanz in so brutalen Zeiten. Denn schon im Herbst kamen, weitgehend ignoriert vom bequemen Tresenpublikum, 48 000 Berliner ins bitterkalte Stadion gegen Frankfurt und auch gegen Köln. Genützt hat’s nicht. Hertha verlor, längst Routine für die Fanszene.

Mit bissigem Humor steigen die Anhänger heute in die Waggons, längst nicht alle haben eine Karte bekommen. Zwei Züge für ein Auswärtsspiel habe er noch nie buchen müssen, sagt Herthas Fanbeauftragter Donato Melillo, schon gar nicht als abgeschlagener Letzter. Doch er kennt seine Szene gut: „Die Fans meckern und schimpfen, und das nicht zu knapp, aber wenn es richtig wichtig wird, halten wir zusammen.“ Als der 35-Jährige bei der Bahn anrief, um für ein paar tausend Euro einen zweiten Zug zu mieten – und das mitten im Bahnschneechaos –, da war auch am anderen Ende des Telefons: Erstaunen. Als sich Hertha Spitzenreiter nennen durfte im Frühjahr, reichte noch ein Zug für die Fans.

Bis gestern haben die treuen Anhänger noch immer Tickets für die Reise bestellt. Einheitspreis für alle: zehn Euro, egal ob Zug- oder Busfahrt. Auch Frank Steffel ist nun in Hannover dabei. Der CDU-Politiker aus Reinickendorf, der diese Woche mit einem „Rettungsplan“ („B.Z.“) von sich Reden machte, setzt sich mit Freunden ins Auto und fährt rüber nach Hannover, wie er sagt. Seit 40 Jahren gehe er zu Hertha ins Stadion, „damals stand ich noch im Fanblock, ich kenne alles mit Hertha: Erste Liga, Zweite Liga, Dritte Liga“, sagt Steffel am Telefon und verteidigt energisch seinen fulminanten „Rettungsplan“, der angeblich gar keiner sein sollte, „sondern nur Anregung, damit der Abstieg verhindert wird“. Am Dienstag trifft er sich mit der Vereinsspitze. Sein Credo: „Es geht nicht um mich, Frank Steffel, sondern um die Stadt und Hertha BSC.“ André Görke

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