Hertie-Studie : Die Muffel wohnen im Nordwesten Berlins

Die Mehrheit der Berliner lebt gerne hier - gerade wegen der kulturellen und sozialen Mischung. In der Stadt gibt es aber deutliche Unterschiede - demnach braut sich etwas in den kleinbürgerlichen Ecken des Nordwestens zusammen.

Bernd Matthies

Ja, so sind sie, die Berliner: voller Optimismus, lebensfroh, immer für einen Spruch gut. Dieses Bild wird generell durch die große Hertie-Studie bestätigt, die sich erstmals umfassend damit beschäftigt, was den Bewohnern der Stadt so durch den Kopf geht. Oder: ging? Gefragt wurde im April 2008, als sich selbst berufsmäßige Schwarzseher nicht vorstellen konnten, welches Ausmaß die globale Finanzkrise alsbald annehmen würde. Vermutlich wären alle Zufriedenheitswerte deshalb heute generell schlechter ausgefallen.

Doch unabhängig davon wissen wir jetzt, wo die Muffel sitzen. Nicht in der Ost-Berliner Plattenbau-Kultur oder den Kreativquartieren der Innenstadt, nicht im grünen Osten oder, warum auch, in den bürgerlichen Statusgebieten der späten Diepgen-Ära. Das Euphorie-Loch erstreckt sich vielmehr von Kladow bis ins Märkische Viertel, trübt die Laune also im Berliner Nordwesten, einer Gegend, zu der den Sozialforschern nicht mal ein charakterisierendes Beiwort einfällt – die entsprechenden Regionen sind Nicht-Viertel, sind nicht kreativ, nicht von Migration bestimmt, nicht durchweg grün, nicht einmal mit den offenbar identitätsstiftenden Ost-Plattenbauten bepflanzt.

Im Nordwesten finden sich anteilig die wenigsten Menschen, die sich zur Hauptstadt Berlin bekennen, obwohl dort so viele Bewohner wie sonst nur im „Grünen Ring Ost“ in der Stadt geboren wurden. Sie bewerten ihre Wohn- und Lebensbedingungen schlechter als alle anderen Berliner, die Bewohner der Kreativquartiere ausgenommen. Und sie sind zu 44 Prozent – ein Spitzenwert – der Auffassung, zu viele Ausländer in der Stadt seien ein größeres Problem.

Es mag sein, dass dort draußen die wenigsten Neu-Berliner wohnen, deren Enthusiasmus für die Hauptstadt den der Eingeborenen offenbar weit übersteigt. Oder dass sich dort das Gefühl breit macht, an der City-Euphorie nicht teilhaben zu dürfen, gewissermaßen dem flachen brandenburgischen Land überlassen zu sein. Allerdings ist auch eine andere Interpretation denkbar: Dass der Berliner Nordwesten keine soziologisch auch nur annähernd homogene Größe darstellt und mit der groben Unterteilung der Viertel nicht zu packen ist; zu ihm gehören Villengegenden wie Frohnau und Kladow, die dem Status-Süden nicht nach stehen, Gebiete wie Reinickendorf-Ost oder Spandau-Mitte, die eher zu den Migrationsquartieren gehören, und Großsiedlungen wie Falkenhagener Feld und Märkisches Viertel.

Man wird aus der Studie also zumindest die Ahnung entnehmen dürfen, dass sich in den kleinbürgerlichen Ecken des Nordwestens etwas zusammenbraut, dass dort Abstiegsängste grassieren und die Sorge, von der Politik verlassen zu werden. Die Politik sollte genauer hinsehen. Bernd Matthies

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