Stadtleben : Hier steht er und kann nicht anders

Einst Senator, jetzt Reformator: Luther (Peter) spielt Luther (Martin)

Lothar Heinke

„Ich werde drei Tage lang nicht nur den Martin Luther spielen, sondern der Luther sein!“ sagt Peter Luther. „Ich mime da nicht Reformator, ich bin’s. Nur Winken allein – das könnt ihr mit mir nicht machen“. Berlins Nach-Wende-Gesundheitssenator kann zum ersten Mal in seinem Leben vor einem großen Publikum in die Rolle seines Vorfahren schlüpfen und sagen, was er schon immer sagen wollte. „Was für Martin Luther die Tür der Schlosskirche war, sind für mich die Kameras und Mikrofone des MDR.“

Man kann sich also auf einiges gefasst machen, wenn heute und morgen in Wittenberg eines der größten deutschen Stadtfeste durch die historischen Mauern rollt und beim Festumzug heute ab 14 Uhr über tausend Wittenberger „Luthers Hochzeit“ feiern. Die Original-Vermählung am 13. Juni 1525 liegt zwar schon eine Weile zurück, aber zum ersten Mal haben sich die Wittenberger Stadtfest- Veranstalter einen echten Luther als Hauptdarststeller geholt. Die frühere Nonne Katharina von Bora, Martins bessere Hälfte, wurde von einer Jury ausgespäht und trägt den bürgerlichen Namen Wiebke Benz. Der 65-jährige CDU-Politiker im Berliner Abgeordnetenhaus Dr. sc. Peter Luther aus Pankow indes gehört zu den „Lutheriden“, die sich rühmen dürfen, ein Ast oder Blatt aus der weit verzweigten Krone des Stammbaums der Familie Luther zu sein. Die Ursprünge reichen bis zum Ritter Wiegand von Luther zum Anfang des 14. Jahrhunderts. Der Reformator Martin und sein jüngerer Bruder Jakob gehörten der siebten Generation in der Familienchronik an, Peter Luther ist schon der 21. Nachfahr Wiegands und Angehöriger der 14. Generation seit Martin.

„Ich war noch nie meine eigene Geschichte“, sagt Luther, „aber jetzt werde ich die Gelegenheit nutzen und im Sinne des Vorfahren Kritik üben, bis nach ganz oben.“ Hier meint der Re-Reformator weniger die Regierenden – als den Papst. „Dem werde ich etwa die Frage stellen, warum er mich auch nach fast 500 Jahren noch nicht rehabilitiert hat, und weshalb sich die katholische Kirche noch immer für den Nabel der Welt hält.“ Damals hätte der Papst ihn, Luther, nicht verstanden, aber heute sei das anders – der Papst spreche schließlich Deutsch.

Martins Gerechtigkeitssinn hat sich ebenso in der 14. Generation erhalten wie einzelne äußere Merkmale – stattliche Figur, markantes Gesicht, hohe Stirn. Und wie sein Wittenberger Vorfahr trinkt Peter Luther mit Katharina und den Herren Cranach und Melanchthon lieber Bier als Wein und lebt stets nach dem Prinzip Hoffnung: auch dann einen Baum zu pflanzen, wenn morgen die Welt unterginge. Nur etwas heiß könnte es ihm in Wittenberg werden – denn dann trägt Luther eine Mütze und einen dicken schwarzen Umhang mit Pelzkragen. Lothar Heinke

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