Hilfsorganisation "adopted" : Afrikaner zeigen Herz für einsame Deutsche

Mitleid mal andersrum: Ghanaische Familien nehmen Berliner auf. Das als Kunstaktion gestartete Projekt „adopted“ wird zur Hilfsorganisation.

Daniel Stender
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Herzlich willkommen. Familie Noble aus Ghana ist eine der mittelständischen Großfamilien, die sich auf deutsche Gäste freut. -Foto: Promo/Widlok

Ludgers neues Leben besteht aus einem Foto vom anderen Ende der Welt. „Das ist mein Vater“, sagt Ludger. „Er heißt Desk. Also: Schreibtisch.“ Desk ist ein schwarzer Mann mittleren Alters, der in einem Wohnzimmer sitzt und neugierig in die Kamera schaut. In der Hand hält er ein Foto von Ludger. Ludger ist 36 und lebt in Berlin, Desk ist sein Patenvater aus Ghana, Ludger hat sich adoptieren lassen und fliegt in wenigen Tagen zu Desk nach Accra, in die Hauptstadt Ghanas.

Vermittelt wurde diese Patenschaft von der Künstlerin Gudrun Widlok, die 2001 mit ihrem Projekt „adopted“ begonnen hat. Anfangs war es eine eher ironische Umkehrung der gängigen Patenschaftsmodelle zwischen reichen europäischen Eltern und armen afrikanischen Kindern. Widlok erinnert sich noch genau daran, wie sie am Plakat einer Hilfsorganisation vorbeiging, auf dem für Patenschaften mit traurig blickenden Kindern aus Afrika geworben wurde: „Ich dachte mir, Moment mal, eine Patenschaft, könnte mir ja auch gut tun.“ Schließlich geht die übliche Denkrichtung meistens so: Afrika exportiert Armut, Europa sorgt für milde Gaben. Das Gegenteil sei der Fall, sagt Widlok: „Es gibt ja einen Reichtum auf beiden Seiten.“ Zum Beispiel sehr reiche Menschen in Ghana und sehr arme Menschen in Deutschland. Als sie sich in Ghana auf die Suche nach Pateneltern für einsame Europäer machte, sei sie auf viel Verständnis gestoßen. „Eine Frau fragte mich, ob es tatsächlich wahr ist, dass wir hier alle ganz allein in unseren Wohnungen leben“, sagt Widlok. Die Grenzen der Kunst hat „adopted“ mittlerweile längst überschritten, die fiktive Patenschaft ist Realität geworden, der Fernsehsender „Arte“ dreht eine Dokumentation darüber und das Goethe-Institut in Accra zeigt ab dem 15. Juni eine Ausstellung dazu.

Insgesamt sind es drei Personen, die sich nach Ghana vermitteln lassen: Außer Ludger sind es noch zwei Frauen, Thelma ist 20, Gisela sogar schon 70 Jahre alt. „Die Utopie wird Realität“, sagt Patenkind Ludger. Er hat genug vom leichten Leben. Genug von Berlin. „Alles ist hier möglich. Alles geht“, sagt er. „Man braucht ja nicht viel Geld, man kann alles machen und kommt mit allem irgendwie durch.“ Jahrelang hat Ludger so gelebt, hat freiberuflich gearbeitet in Galerien, bei der Berlinale. Aber jetzt hat er genug davon. „Es ist wie in einem Sumpf, überall Schlamm, man kommt nicht richtig voran“, sagt er, und es klingt, als suche er ein anderes Leben. Eines mit Verbindlichkeiten, eines mit Gemeinschaft. Denn Ludger fühlt sich nicht nur in den vielen Möglichkeiten der Großstadt verloren – in seiner Anderthalb-Zimmer-Wohnung ist er auch ziemlich einsam: „Ja, ich bin ein bindungsloser Europäer“, sagt er. Jahrelang sei er davon ausgegangen, dass Freunde wichtiger seien als Familie, aber diese Freundschaften sind ihm zu unverbindlich. Genau wie die Liebe: „Selbst das wird ja nicht wirklich durchgezogen“, klagt er und schwärmt von den klaren Regeln afrikanischer Familien: „Der Zusammenhalt ist stärker, nicht so wie hier, wo man seine Eltern nur alle sechs Monate sieht.“ Klar wird es dort nicht einfach, aber Ludger will sich alle Mühe geben, ein richtiger Ghanaer zu werden, und hat schon vieles über seine neue Heimat gelernt. „God bless Ghana“, lautet die Nationalhymne, 23 Millionen Einwohner hat das aufstrebende Land.

Theoretisch gehört auch die Rückkehr nach Deutschland zu dem Projekt: „Für Mitte Juli sind die Rückflüge gebucht“, sagt Gudrun Widlok. Ludger aber sieht das anders: „Ich bleibe dort“, sagt er. Ganz abbrechen will er den Kontakt nach Europa allerdings nicht und regelmäßig mit seinen leiblichen Eltern in Deutschland telefonieren. Falls er sich einsam fühlt.

Infos unter www.adopted.de

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