Historie : So gab’s Berlin noch nie zu sehen

Eine DVD zeigt bisher unveröffentlichte Bilder von vor 80 Jahren. Die Aufnahmen von Amateurfilmern sind im Tagesspiegel-Shop erhältlich

Christian van Lessen

Fuhr da nicht ein Doppeldecker mit Coca-Cola-Reklame durchs Bild? Die Leute flitzen und flanieren über den Kurfürstendamm, alles ist so bunt, so friedlich. Sie wandeln im blumengeschmückten Sommergarten unterm Funkturm, am Brandenburger Tor, Unter den Linden, auf dem Alexanderplatz – und wären nicht die Kleider und Frisuren, die alten Autos und Busse, wäre nicht die heutige Goldelse grau wie in einem Tarnkleid – es könnten fast Bilder von heute sein.

Der Zoo ist proppenvoll, die Besucher schauen beeindruckt auf Elefanten und Eisbären, sie sind bei der Robbenfütterung dabei, ein Affe schlägt gerade Kapriolen. „Hitler steht auf dem Zenit seiner Macht“, sagt der Sprecher im Film. Es ist 1940, kaum zu glauben bei dieser mit Farbe geschminkten Alltäglichkeit, fernab von Krieg und Holocaust. Das ist beklemmend normal, das Bunt belebt die dunkle Vergangenheit, die für viele Menschen nur aus Schwarz-Weiß-Filmen mit Paraden, Aufmärschen und Kriegsberichten besteht. Wie blau ist auch damals der Himmel, wie hell die Sonne!

Joachim Castan, Autor, Historiker und Dokumentarfilmer, hat die Stadt von damals in die Gegenwart gerückt. Auf einer DVD zeigt er bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus der Zeit von 1924 bis 1945. Gefilmt von 26 in- und ausländischen Amateurfilmern. Ganz private Werke, „unverbraucht“, wie er sagt. Die Aufnahmen, schwarz-weiß und in Farbe, sind von einer verblüffenden Klarheit, als wären sie gerade erst gedreht.

Als sei die Stadt von einst auf Besuch. Die zwanziger Jahre, Berlin während der Olympischen Spiele 1936, nicht von Propagandakameras gedreht, ein pompöser Festumzug zur städtischen 700-Jahrfeier 1937. Er erinnert an Karneval, wäre nicht ein Wagen der Nazis mittendrin. Und schon geht’s zu den Avus-Rennen!

Familienurlaub an der Ostsee, wie heute, wären nicht Schilder am Strand: „Juden sind hier nicht erwünscht!“ Ein Sommertag in Berlin, unbeschwert, mit fröhlichen Mädchen und langhaarigen Jungs. An der Krummen Lanke? Wäre nicht 1944, es könnte heute sein. Dann harter Filmschnitt: Überall Trümmer.

Vor gut zehn Jahren begann Castan, Jahrgang 1966, systematisch alte private Berlinfilme zu sammeln. Daran ist der Großvater schuld. Der begeisterte Amateurfilmer hatte 1937 ein Avus-Rennen festgehalten, die Filmrolle zählte zum geretteten Inventar, als die Familie 1943 in Wilmersdorf ausgebombt wurde. Der Großvater stand mit anderen Filmern in Kontakt, tauschte Werke aus, der junge Mann entwickelte irgendwann selbst Interesse, nutzte die familiären Kontakte. Aus allen Ecken der Welt sammelte er Spulen, ein paar tausend davon hat er im Keller, es sind nicht nur Filme aus Berlin, auch aus dem New York der vierziger oder dem Havanna der dreißiger Jahre – die allerdings nur schwarz-weiß.

Aber Berlin war und ist Mittelpunkt seiner Film-Zeitreisen, die von 1935 an mit dem dreifarbigen Kodachrome richtig bunt werden konnten. Die Farbe hat sich erstaunlich gut gehalten, Castan hat auf die Qualität der „Abtaster“ geachtet, bei Agfa-Filmen zuweilen „viel fummeln“ müssen, um die Farben möglichst optimal herauszuholen.

Die dunklen Jahrzehnte werden so fast unheimlich privat. Soldat Hans Pohl ist beispielsweise auf Heimaturlaub, lässt sich beim Stadtrundgang filmen. Aus Stalingrad wird er später nicht mehr zurückkehren. Lale Andersen hat sich zum „Tag der Wehrmacht“ angekündigt, auf dem Wannsee schippern Segelboote wie heute, nur mit Hakenkreuzfahne. Ein fast schmuckes Einfamilienhaus erscheint im Bild, eine nahe Bombe hat 1943 die Scheiben zerbersten lassen. Die Familie filmt fassungslos die Scherben.

Was geht nicht alles sonst in Scherben. Das Ende sind Trümmerlandschaften, aber noch erstaunlich intakte Konturen, wie am Potsdamer Platz. Das Stadtschloss wirkt angeschlagen, längst nicht verloren. Wenige Filmminuten zuvor posiert hier noch eine Frau vor der Kamera ihres Mannes. Kinder spielen auf den Stufen. Keine Trümmer weit und breit. Trügerische heile Welt. Mit Coca-Cola-Reklame. Christian van Lessen



Die DVD „Berlin – Eine Zeitreise durch unbekannte Filmschätze, Teil 1: 1924 –1945“ ist in der Tagesspiegel-Geschäftsstelle, Potsdamer Straße 77-87, 10785 Berlin, erhältlich und kostet 16,95 Euro. Die Geschäftsstelle hat montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr geöffnet und ist telefonisch unter der Nummer 26009-289 zu erreichen. Weitere Infos gibt es unter www.tagesspiegel.de. Castan plant zwei Folgeteile: Berlin 1946–1965 sowie 1966–1990.

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