Stadtleben : Höchste Pflegestufe

Eine Ausstellung im Technikmuseum bestätigt fast alle Klischees von Männern und ihren Autos

Thomas Loy

Mann beim Ausweiden einer Autoleiche. Mann beim Wienern einer Motorhaube. Mann beim Sonnenbaden vor seinem Truck. Mann mit Tattoo, Blondine und Auto. Die Fotos bestätigen fast alle Klischees einer innigen Beziehung zwischen Mann und Maschine. Nur vor einem Motiv schreckte die Fotografin zurück: das räkelnde Model auf der blanken Motorhaube.

Brigitte Kraemer besucht seit vielen Jahren Autorennen, Autobahnraststätten und Fantreffen, um das Miteinander von Männern und Automobilen zu dokumentieren. 40 Fotos aus ihrer Sammlung sind derzeit im Berliner Technikmuseum zu sehen. Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch „Mann und Auto“, das mit dem Fotobuchpreis 2008 des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden ist.

Es ist so ähnlich wie das Verhältnis zwischen Mann und Fußball. Man ahnt, was in der Fankurve so alles passiert, und ist doch schockiert, wenn die Bilder im Kopf mit der Realität übereinstimmen. Beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring hat Kraemer zwei beleibte Briten in einer verlassenen Kurve geknipst, friedlich in ihren mitgebrachten Liegestühlen eingenickt. Das „US-Car-Treffen“ in Brandenburg lieferte das Klischee des autoputzenden Mannes in hundertfacher Ausführung. Entschieden hat sich Brigitte Kraemer für das Foto eines Mannes, von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet, der seiner tiefblauen Corvette das Heck mit einem Staubwedel streichelt. Der Mann erzählte ihr, er habe früher als Kapitän ein schönes Schiff gesteuert, nach der Pensionierung brauchte er Ersatz.

Psychologisch schwieriger einzuordnen sind Männer, die ihr Leben einer relativ kultfreien Automarke wie Opel widmen. Ein Opel-Fan lud die Fotografin zum Shooting in seine Garage ein. Zu sehen gab es dort einen Vectra und drei Wände. An der hinteren standen die Pokale, die das Auto eingefahren hat, an den Seitenwänden hingen die Urkunden. Zu einer Buchvorstellung in einer BMW-Niederlassung wollte Kraemer den Opel-Fan einladen, doch der sagte ab. Ein Opel auf BMW-Territorium, das gäbe Ärger. Und dann könnte es ja regnen, und bei Regen würde sein Vectra die Garage nicht verlassen.

Beschwert über die entlarvende Sichtweise der Fotografin haben sich die Männer aus der Autoszene bisher nicht. Sie sehen gar nicht, was Kraemer gesehen hat. „Die Männer gucken sich einzelne Fotos an und versuchen sofort, Marke und Baujahr zu erkennen“, sagt die Fotografin.

„Männer haben eben ein Autogen“, findet Brigitte Kraemer. Eine andere Erklärung hat die Fotografin bisher nicht gefunden.Thomas Loy

Fotoausstellung „Mann und Auto“, zu sehen bis zum 2. November im Berliner Technikmuseum

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