Stadtleben : Hotel mit Beckenblick

Im Prinzenbad soll eine neue Geschäftsidee ausprobiert werden: In Schlafboxen aus Holz könnten bald Gäste übernachten

Matthias Oloew

Morgens um sieben liefern sich die Frühschwimmer im Prinzenbad ein Wettrennen: Wer ist als Erster im Becken? Es gilt, so früh wie möglich in das jungfräuliche Wasser einzutauchen. Wenn die Visionen von Thies Krüger und Michael Lehner umgesetzt werden, können sich die Stammgäste das Ritual allerdings verkneifen. Denn dann sind schon Leute im Becken, bevor das Bad überhaupt öffnet. Es sind Gäste, die im Prinzenbad übernachten. Und die schwimmen als Erste, vorausgesetzt, sie sind Frühaufsteher.

Was jetzt verbotenerweise gemacht wird, soll bald legal sein: Schlafen mit Blick auf die Becken. Krüger und Lehner, zwei Produktdesigner, möchten 15 mobile Schlafboxen in dem Kreuzberger Bad aufstellen, jeweils 2,50 mal 2,50 mal 2,50 Meter groß, aus Holz, mit Doppelbett und Regalen fürs Gepäck. 25 Euro soll die Nacht für eine, 35 Euro für zwei Personen kosten. Toiletten und Duschen stehen in der Garderobe auf der Wiese bereit und schließlich gibt es noch die drei riesigen Becken.

„Freibäder werden maximal zwölf Stunden am Tag genutzt“, erklärt Michael Lehner, „für die Nachtstunden bietet sich ein Hotel geradezu an.“ Schulklassen gehören zu den Zielgruppen, deshalb sollen es auch 15 Boxen sein. „Für Schüler ist es cool, wenn sie in Berlin übernachten und noch dazu im kultigen Prinzenbad.“ Damit nachts nicht allzu viel Unfug veranstaltet wird (erst kürzlich hatten Randalierer volle Mülleimer in die Becken geworfen, wir berichteten), soll der Wachdienst drei Aufgaben schultern. „Er ist Wachmann, Nachtportier und Rettungsschwimmer“, sagt Lehner.

Bäder-Vorstand Klaus Lipinsky ist Feuer und Flamme für die Idee: „Die Schlafboxen sind toll. Es müssen jedoch noch die Rahmenbedingungen geklärt werden.“ Dazu zählen so praktische Fragen wie: Wer legt und bezahlt die Stromleitungen, um Licht zu haben? Nachts ist das Prinzenbad nämlich stockdunkel. Und: Wer haftet für eventuelle Unfälle?

„Diese Dinge sind aber klärbar“, sagt Lipinsky, und die Fachleute wundern sich: Noch vor einigen Jahren war es den Bäderbetrieben unmöglich, über Abendveranstaltungen in ihren Bädern überhaupt nachzudenken. Die Gründe: kein Licht, kein Personal, zu viel Lärm. Dass jetzt viel flexibler diese Frage angegangen wird, liegt offenbar in der Aussicht, durch die Schlafboxen das angestaubte und bürokratische Image der Bäderbetriebe aufzupolieren: „Wenn daraus ein Modell für andere Bäder in anderen Städten werden sollte, sind wir ein bisschen stolz, wenn die Keimzelle im Prinzenbad gestanden hat“, sagt Lipinsky.

So sieht es auch Michael Lehner. Damit die Boxen aus Massivholz-Fertigteilen auch so innovativ klingen, wie sie sind, haben ihre Väter ihnen den Namen „Public-Pool-Lounge“ gegeben. Zehn Jahre ist die Idee schon alt, die die beiden während ihres Studiums in Braunschweig hatten. Darauf gekommen sind sie durch die sogenannten Wabenhotels in Japan, in denen Berufspendler schlafen statt nach Hause zu fahren. „Diese Hotels sind immer mit einem Bad verbunden“, erklärt Lehnert. Ihre Professoren waren begeistert, es gab gute Noten.

Wieder herausgekramt haben sie das mobile Hotel, als die Fußball-Weltmeisterschaft anstand. In allen WM-Städten ein riesiger Bedarf an günstigen Übernachtungsplätzen – da sollten doch alle Stadtväter begeistert auf die mobilen Schlafboxen zurückgreifen. So dachte sich Michael Lehner das zumindest. Die meisten waren auch sehr angetan, aber sie wollten die Kisten sehen, bevor sie ihren behördlichen Segen geben.

Die ersten soll es nun, nach einigen Jahren Verzögerung, im Prinzenbad geben. „Wir brauchen eine Pilotanlage, ganz klar“, sagt Lehner. Eine Bank stehe schon bereit, und die Sponsorensuche laufe auch an – ohne Geldgeber gehe es nicht. Der Bau einer Box kostet ungefähr 3000 Euro. Den Durchbruch verspricht er sich jedoch erst, wenn die Boxen erst einmal irgendwo stehen. Ursprünglich war das Sommerbad Pankow als erster Standort im Gespräch, doch nach Aussage der Bäderbetriebe spielte das Bezirksamt nicht mit. Jetzt ist Kreuzberg dran. Im Frühjahr gewannen sie den Businessplan-Wettbewerb für ihre Geschäftsidee.

Die Stammgäste, die künftig womöglich morgens nicht mehr die Ersten im Becken sind, dürfte die Hotel-Idee trotzdem gefallen. Denn Krüger und Lehner wollen ihre Boxen von April bis Mitte Oktober offen halten und vermieten – damit hätten die alljährlichen Proteste, wenn die Bäderbetriebe die Saison schon Ende August beenden, endlich ein Ende.

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