Ich habe verstanden : Das Rad kann ja nichts dafür

Wozu braucht man in der Großstadt ein Auto? Allein die Parkplatzsuche kann in den Wahnsinn treiben. Wer aufs Fahrrad umsteigen will, hat allerdings mit neuen Problemen zu kämpfen.

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Hollandrad mit drei Gängen. Technisch geht mehr, stilistisch aber nicht.
Hollandrad mit drei Gängen. Technisch geht mehr, stilistisch aber nicht.Foto: ddp

Ich besitze ein Auto, aber das will nichts heißen. Das Auto kam, weil es die Dinge des täglichen Lebens einfacher machen sollte, die komplizierter wurden, seitdem man nicht mehr alleine ist, sondern zu dritt. Ein Auto, das ist ja die gängige Überlegung, vereinfacht das Leben in den Bereichen Mobilität, Transport und Logistik. War bei uns auch so. Im Großen und Ganzen.

In dieser Woche bekamen wir Post vom Bezirksamt. Es ging um die Parkraumbewirtschaftung. Im Grunde eine gute Sache, nur wurde uns nicht ganz klar, was die denn eigentlich genau bewirtschaften wollen. Parkraum ja wohl nicht, denn den gibt es dort, wo wir wohnen, quasi nicht. Es gibt am Rand der Straße ein wenig Platz, nicht viel, denn es gibt vor allem auch eine Tram und viele Ausfahrten. Und wenn wir denn mal doch - ich glaube, es kam in anderthalb Jahren zweimal vor - einen "Parkplatz" vor der Haustür ergattert hatten, dann überlegte man sich dreimal, ob man das Auto überhaupt noch mal bewegt oder nicht doch besser genau da stehen lässt. Einmal musste ich dann aber Getränke kaufen, ein paar Kisten. Ich nahm das Auto, fuhr zum Supermarkt, kaufte die Kisten, lud sie ein, fuhr zurück zum Haus, fand keinen Parkplatz, fuhr weiter, paar Mal um den Block, und stellte dann meinen Wagen in der Nähe des Supermarktes ab. Viermal ging ich vom Auto zum Haus, ich trug jeweils eine Kiste, danach war aber wirklich Feierabend.

"Wir brauchen kein Auto mehr! Wir fahren jetzt alle mit dem Rad", sagte ich am Montag. Die Frauen meines Lebens schauten mich, nun ja, verdattert an. Am Abend ging ich in den Hof, putzte mein Rad, pumpte Luft auf, überprüfte die Festigkeit des Kindersitzes.

Der Oberschenkel macht zu

Am Dienstag fuhr ich die kleine Frau meines Lebens mit dem Rad in die Kita, wobei "fahren" es nicht richtig trifft: schlingern, strampeln, schieben - so nennt man wohl eher die Art meiner Fortbewegung. Als ich nach Hause kam, war ich nassgeschwitzt, der Oberschenkel "machte zu", zur großen Frau meines Lebens sagte ich: "Ich brauche ein neues Rad!" Sie schaute mich, nun ja, skeptisch an.

Am Mittwoch hatte ich die Zeit, um mich über Fahrräder zu informieren. Ich selbst besitze ein so genanntes Hollandrad. Es hat drei Gänge und wiegt sehr viel. Die kleine Frau seltsamerweise auch, obwohl sie noch so klein ist. Meine Rad-Recherchen ergaben, dass man sich auch in einer Stadt möglichst mit einem Trekkingrad fortbewegen sollte. Trekking bedeutet (ich befand mich bereits im Recherchierwahn): "das Zurücklegen einer längeren Strecke mit Gepäck über einen längeren Zeitraum und unter weitgehendem Verzicht auf eventuell vorhandene Infrastruktur." Wenigstens der letzte Punkt passte irgendwie zu Berlin. Zu Hause sagte ich: "Morgen kaufe ich ein Trekkingrad!"

Am Donnerstag kaufte ich kein Trekkingrad. Das hatte zwei Gründe: Zum einen hatte ich ja keine Ahnung, was die für so ein Rad haben wollen, zum anderen hatte das Rad, was mir am besten gefiel, so einen komischen Namen, den ich nicht aussprechen konnte, und ich wollte nicht in den Laden gehen und zum Verkäufer sagen: "Ich will dieses Dingens da, aber beim Preis müssen wir noch was machen." Am Abend hatte ich schlechte Laune. Ich fragte, wo denn das Auto stünde. Es parkte drei Straßen weiter. Dort, wo es schon Parkraumbewirtschaftung gab. Ich blickte aus dem Fernster und sah, dass vor unserer Haustür ein Parkplatz frei war. Ich ging in den Hof, setzte mich auf mein Hollandrad und fuhr zum Auto. Ich wollte es nach Hause holen, aber als ich beim Auto ankam, sah ich den Strafzettel bereits hinter dem Scheibenwischer klemmen. Ich fuhr weiter und tat so, als ob es nicht mein Auto wäre. Ich fuhr und fuhr und schwitzte und spürte meine Oberschenkel und fuhr weiter.

"Wo warst du", fragte die große Frau meines Lebens, als ich erschöpft und glücklich nach Hause kam. "Beim Fahrradfahren", sagte ich. "Darf ich morgen gleich noch mal?"

Heute habe ich die kleine Frau mit dem Rad in die Kita gebracht, danach bin ich in die Arbeit gefahren. Nachher kaufe ich mir einen Rucksack, in den zwar keine Kisten passen, aber ein paar Flaschen. Denn als ich auf meinem Rad durch die Stadt fuhr, nicht langsam, nicht rasend, da sah ich das Grün, und ich spürte die Wärme, und die Schmerzen werden irgendwann aufhören. Das Rad kann ja nichts dafür. Es wurde schließlich nicht gebaut, um mir das Leben zur Hölle zu machen. Ganz im Gegenteil.

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