Ifa : Das vernetzte Kind

Auf der Ifa buhlt die Industrie um die Kleinsten. Doch die gucken nur fern, wenn nichts Besseres los ist.

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So einen Hals. Ein junger Besucher betrachtet auf der Internationalen Funkausstellung eine Stoffgiraffe mit integriertem Fernseher. Die Hüpfburg, die Halfpipe und der Fußballplatz in der Nachbarhalle sind allerdings bei den Kids beliebter.
So einen Hals. Ein junger Besucher betrachtet auf der Internationalen Funkausstellung eine Stoffgiraffe mit integriertem...Foto: dpa

Eine Gemeinsamkeit haben arme und reiche Eltern: Am Kinde sparen sie zuletzt. Das weiß die Industrie, und sie stellt sich darauf ein. Die Vernetzung der Kleinsten hat begonnen. So gibt es auf der Ifa lustige Plüschtiere mit Monitor im Bauch, in klein für Fernseh-Anfänger und in riesig für, ja, für wen eigentlich? Wer stellt sich eine Großgiraffe mit integriertem Bildschirm hin? Hier folgt die erste gute Nachricht für Leute, denen die Entwicklung Sorge macht: Die Dinger laufen in Asien und im fernsehverrückten Amerika viel besser als bei uns. „Hier kauft das schon mal ein Kinderarzt fürs Wartezimmer“, sagt die Frau am Stand der taiwanesischen Herstellerfirma. „Und Sammler, die zum Beispiel Giraffen sammeln.“

Die zweite gute Nachricht ist: Die Zielgruppe guckt kaum hin. Statt ins Netz zu gehen, schlüpft sie durch die Löcher. Es stehen keine Trauben von Kindern vor den Geräten, nicht einmal einzelne Kinder. Woran kann das liegen? Dürfen die zu Hause so viel gucken, dass es für sie nichts Besonderes mehr ist? Nein: Es ist was Besseres da. In der Halle von Super RTL gibt es nämlich zwei Hüpfburgen, eine Halfpipe, ein Fußballfeld und eine Eisenbahn für die ganz Kleinen – alle voll. Vor den Bildschirmen dagegen steht niemand. Völlig absorbiert schrauben stattdessen zwei Steppkes an der Eisenbahn herum. Und auch eine andere Weisheit gilt weiter: Gib ein paar Jungs einen Ball, und die Sache ist geritzt.

Doch es hat eben nicht jeder eine Hüpfburg im Zimmer. Und die Industrie geht raffiniert vor: Disneys Piratenwecker für die etwa Fünfjährigen zum Beispiel – ein Totenkopf klappert zur programmierten Zeit mit den Zähnen, dazu ertönt die Filmmusik aus „Fluch der Karibik“ – hat noch keine Buchse für den iPod. Der „Hannah Montana“-Wecker für die vielleicht Neunjährigen hat schon eine. Klar, dass dann auch ein iPod her muss. Für jede Entwicklungsphase gibt es das passende Zeugs: Handyhüllen von Winnie Puuh bis Vampire, dazu spezielle Taschen, Kopfhörer, Computer. Das interessiert die Leute anscheinend: Zur Halbzeit zählte die Messe 4000 Besucher mehr als im Vorjahr – seit Freitag kamen 126 000 Besucher.

Am Ende unterscheiden sich wohl nicht Arm und Reich, sondern Bildungsober- und -unterschicht. Denn während Johann, Konstantin und Anne-Sophie vor lauter Hockey, Klavier, Ballett und Chinesisch keine Zeit zum Fernsehen haben und abends allenfalls den Schachcomputer anwerfen, hocken Chantal, Kevin und Jihad stundenlang vor der Kiste, die obendrein im Kinderzimmer steht, verbunden mit der Spielkonsole, so dass Mama sich in Ruhe die Nägel machen kann.

Bleibt zu hoffen, dass das intelligente Haus der Zukunft nicht nur einen Kühlschrank hat, der meldet, wenn die Milch alle ist, sondern dass Mama aus dem Wohnzimmer per Fernbedienung die gesamte Elektrik im Kinderzimmer ausschalten kann. Dann funktionieren nur noch die Leselampe und das gute alte Buch. Damit das Haus nicht eines Tages schlauer ist als seine Bewohner.

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