Im Deutschen Historischen Museum : Balkenende eröffnet Calvinismus-Ausstellung

Der niederländische Ministerpräsident zu Gast in Berlin. Sein besonderer Bezug zur neuen Ausstellung: Balkenende ist selbst Reformierter.

Rolf Brockschmidt
Eröffnung der Calvin-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin
Der Calvinist. Balkenende im Museum.Foto: epd

Berlin„Ich fand Ihre Einladung nicht zu verachten“ zitierte der niederländische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende den Reformator Johannes Calvin, als er die große Ausstellung „Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa“ zum 500. Geburtstag des Reformators im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Anwesenheit von Bischof Wolfgang Huber, dem Kirchenpräsidenten der Evangelisch-Reformierten Kirche Jann Schmidt und Bundesminister Thomas de Maizière eröffnete. Ein Heimspiel für Balkenende, den bekennenden Reformierten Christen.

Aber selbst in den Niederlanden, wo nach Ansicht des Ministerpräsidenten nicht nur die Reformierten Calvinisten sind, sondern calvinistische Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Festigkeit in den Überzeugungen für weit mehr Menschen gelten, musste er eine schmerzliche Erfahrung machen. Die niederländische Tageszeitung „Trouw“ hatte ihn zu Beginn des Calvin-Jahres um einen Beitrag gebeten, den er auch gerne geschrieben hatte. Allerdings wurde der Artikel mit einem Bild Luthers illustriert – nicht mit Calvin. „War es ein protestantischer Einheitsfanatiker oder eher ein gestresster Bildredakteur?“ fragte launig der Ministerpräsident, der damit bewies, dass selbst in einem der Kernland des Calvinismus der Informationsbedarf doch groß zu sein scheint. Immerhin hat „Trouw“ jetzt auch einen „C-Test“ auf Deutsch ins  Netz gestellt, wo jeder seine Kenntnisse über die zweite Reformation testen kann.

 

„Jede gute protestantische Predigt hat drei Elemente“, dozierte der Christ Balkenende mit sichtlichem Vergnügen und legte als erstes ein Bekenntnis zum Calvinismus  ab. Die Ausstellung wecke Heimatgefühle. Politisch bezog sich Balkenende auf Abraham Kuyper (1837-1920), den großen Staatsmann, Theologen und Politiker.  Er ist der Gründer des Neo-Calvinismus, der  „Vrije Universiteit Amsterdam“ -  frei von Staat und Kirche – und der „Anti-Revolutionären Partei“, der ersten modernen Partei des Landes.

 
Reformbewegung ohne Grenzen

Balkenende würdigte die historische Bedeutung des Calvinismus als einer Reformbewegung ohne nationale Grenzen, die den Widerstand gegen die illegitimen Obrigkeit gepredigt hatte. Aus diesem bürgerlichen Widerstand ist die Republik der Niederlande im absolutistischen Europa hervorgegangen. Und wenn Calvin gesagt habe „Ich bin auch ein Niederländer“, habe er damit das Zusammengehörigkeitsgefühl über die Grenzen hinweg zum Ausdruck gebracht. Der Aufstand gegen Spanien habe niederländische Flüchtlinge nach Emden gebracht, später, zu Zeiten der Republik, habe diese Flüchtlinge aus Deutschland aufgenommen. Er hob die engen dynastischen Verbindungen der Republik mit deutschen Fürstenhäusern hervor.

 

Als Hans Ottomeyer, der Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, plötzlich husten muste, reichte ihm Balkenende vom Rednerpult her ein Glas Wasser in die erste Reihe. "Das ist calvinistische Solidarität", sagte er. "Aber ein echter Calvinist hätte in diesem Fall ein starkes Pfefferminz gereicht." Unter Verzicht auf den üblichen „Zwischengesang“ in einer reformierten Predigt ging Balkenende zum aktuellen Teil seiner „Predigt“ über. Calvins moralische Kraft des Denkens sei aktueller denn je. Leute wie Calvin und Luther hätten gegen Missstände in ihrer Gesellschaft angekämpft, heute müsse der Widerstand der überzogenen Bonuskultur der Bänker gelten. Calvin habe stets betont, dass die Gesellschaft einen starken moralischen Anker brauche, kurzfristige ökonomische Interessen sollten sich den allgemein gesellschaftlichen unterordnen. Gewinne sollten reinvestiert werden.

„Dies sollten wir uns zum Vorbild nehmen“, sagte Balkenende, „das könnte ein Vorbild für die Finanzwirtschaft sein. Es ist unsere Aufgabe als Politiker, dass dies zur Norm wird. Daher unterstütze ich auch Bundeskanzlerin Merkel bei der ,Charta des verantwortlichen Handelns’“. Die moralische Komponente in der Finanzwirtschaft sei wichtig, „die Zeit ist reif!“, sagte Balkenende, der für seine lockere Rede im Schlüterhof des Zeughauses lang anhaltenden Beifall bekam.   

 

Der „C-Test“ der Tageszeitung "Trouw" findet sich auf Deutsch unter http://www.trouw.nl/nieuws/religie-filosofie/article2065191.ece  

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