Stadtleben : Im Langzeit-Depot

Vergilbte Aktien und spektakuläre Raubüberfälle: Zu Besuch im Bankenmuseum in Schöneberg

Patricia Hecht

In einer Ecke des Bankenmuseums hängt ein vergilbter Zeitungsausschnitt aus den 20er Jahren. Auf dem Foto sind aufgebrachte Banker zu sehen, die die Wall Street stürmen. Es ist der „Schwarze Freitag“ aus dem Jahre 1929, jener Tag, als die US-Börse zusammenbrach. „Wenn ich heute davon erzähle, höre ich oft besorgte Kommentare“, sagt Kurt Kroschinski, 76. Der ehemalige Bankdirektor aber beruhigt die Besucher, die er durch sein kleines Museum führt: „Bisher sieht es ja so aus, als ob wir um eine Krise in ähnlichem Ausmaß herum kommen.“

Der Zeitungsartikel ist einer von mehr als 750 Ausstellungsstücken in zwei Räumen der Commerzbankzentrale in der Potsdamer Straße – darunter Wertpapiere aus dem zaristischen Russland und dem chinesischen Kaiserreich, prähistorisch wirkende Schreib- und Rechenmaschinen, Banknoten aus der Weimarer Republik und die letzte Serie der D-Mark.

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein eher trockenes Sammelsurium. Kurt Kroschinski aber erweckt 130 Jahre Bankengeschichte zum Leben: Er kennt hinter jedem Exponat eine kleine Geschichte. Ein unscheinbares Stoffbanner mit dem alten Logo der Commerzbank – einem C mit zwei Flügeln – ist etwa das Geschenk einer deutschen Jüdin. Die hatte das Logo in den 1930er Jahren entworfen und musste fliehen, als die Nazis an die Macht kamen.

Kroschinski erzählt bedächtig, aber mit spürbarem Elan. Sein Detailwissen stammt aus der jahrelangen ehrenamtlichen Arbeit fürs Museum: In den Siebziger Jahren fing er mit zwei Mitarbeitern der Bank zu sammeln an. 1981 eröffneten sie die erste Ausstellung, seitdem wächst der Bestand. „Als hier im Haus umgebaut wurde, war ich zum Glück noch Direktor“, sagt Kroschinski verschmitzt, „so konnte ich die Pläne fürs Museum hier reinschmuggeln“. Die beiden Räume wurden von der Bank zur Verfügung gestellt – aus Platzmangel lagern mittlerweile allerdings ganze Kisten voller Exponate im Keller.

Ein paar gelblich-weiße Porzellanmünzen haben es in die Vitrinen in den Ausstellungsräumen geschafft. „Die sind aus dem Ersten Weltkrieg“, erzählt Kroschinski. „Die Regierung schmolz damals Münzen ein, weil sie Edelmetall für die Waffenproduktion brauchte“. Im Tagesgeschäft wich man auf Porzellanmünzen aus.

Zwischen den Stücken aus vergangenen Jahrhunderten sticht ein kaputter Computer hervor: Ein Monitor mit Einschussloch. Dieser stammt aus einem spektakulären Banküberfall in Zehlendorf von 1995. Die Täter hatten damals einen Tunnel gegraben, Geiseln in der Bank genommen, die Schließfächer entleert und das Lösegeld genommen. Als die Polizei schließlich die Bank stürmte, waren die Täter längst verschwunden.

Bis die Dokumente über die aktuelle Finanzkrise bei ihm im Bankenmuseum hängen, werde es wohl noch einige Jahre dauern, sagt Kroschinski. „Wenn ich mir wünschen könnte, was von der Krise ausgestellt wird, wäre das eine Zeitungsmeldung. In der steht, dass die Börsen sprunghaft um 15 Prozent gestiegen sind.“ Patricia Hecht

Bankenmuseum, Potsdamer Straße 125, Schöneberg. Geöffnet immer donnerstags von 15.30 Uhr bis 17.30 Uhr; oder nach Vereinbarung unter 26 53 41 00. Eintritt frei.

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