Stadtleben : „Immer Bullen, überall“

Gerhard Seyfrieds autobiografische Werkschau führt durch die Geschichte der linksalternativen Szene

Lars von Törne

Der Kurfürstendamm ist in kräftiges Grün getaucht. Es wimmelt von Uniformträgern und Einsatzwagen, das Kranzler wurde umbenannt in „Café am Boulevard Policienne“, Werbetafeln preisen Schlagstöcke und Helme an, und vor der Gedächtniskirche hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Willkommen im Polizei-Paradies Berlin“. So sah Gerhard Seyfrieds Berlin damals aus, in den späten siebziger Jahren und bis zum Ende der Achtziger.

In Seyfrieds autobiografischem Mammutwerk „Die Werke. Alle!“ leben Erinnerungen wieder auf an jene Jahre, in denen sich die linksalternative Szene und die Staatsmacht jeweils auf ihre Weise radikalisierten. So erinnert sich Seyfried an ständige Hausdurchsuchungen, er wurde wegen seiner Kontakte zu gesuchten Linksradikalen beschattet, sein Telefon abgehört: „Immer Bullen, überall.“

Die Erinnerungen an diese und viele andere Zeiten sind das Kernstück einer opulenten autobiografischen Werkschau Seyfrieds, deren zweiter Band jetzt bei Zweitausendeins erschienen ist. Auf knapp 600 Seiten führt Seyfried durch sein Leben und Schaffen, erzählt in ausführlichen, unterhaltsamen und lehrreichen Interviews mit Zeichnerkollegin Ziska von wichtigen Stationen seines Lebens und schmückt dies mit Hunderten von Skizzen, Cartoons, Karikaturen, Wimmelbildern, Postern, Illustrationen und Gemälden. Die Comicgeschichten der heute 60-jährigen Ikone der Alternativkultur hat Zweitausendeins bereits vor zwei Jahren in einem nicht weniger opulenten Band gesammelt und neu veröffentlicht.

In den Gesprächen mit Zeichnerin Ziska verbindet Seyfried persönliche Anekdoten mit Exkursen zu Politik und Kulturgeschichte. Er spricht über seine Arbeitsprozesse, seine Leidenschaft für Hanf und über die Radikalisierung der linken Szene in den Siebzigern sowie über die Paranoia, mit der Polizei und Sicherheitsbehörden auf alles reagierten, was linksalternativ daherkam. In Wort und Bild kann man nachvollziehen, wie sich Seyfried mit Witz und Spott gegen die Verhältnisse wehrte, von den frühen Arbeiten für die Münchner Alternativzeitung „Blatt“ bis hin zu den zu Klassikern gewordenen Polizei-Cartoons, die Seyfried nach seinem Umzug nach Berlin 1976 weit über die linke Szene hinaus berühmt machten. Weitere Kapitel sind der späteren Phase ab Ende der neunziger Jahre gewidmet, in der Seyfried erfolgreich zum Autor historischer Romane wurde – was eher zufällig begann, wie man hier nachlesen kann.

Dass Seyfried trotz scharfem Wortwitz und spitzem Strich immer ein einfühlsamer Humanist war, der auch in politischen und staatlichen Widersachern noch den Menschen sah – auch davon zeugen seine Bilder und Erinnerungen. Das spürten offenbar auch die vielgeschmähten Lieblingsobjekte seiner Zeichnungen aus den achtziger Jahren: Immer wieder baten ihn Polizisten um Zeichnungen über den eigenen Berufsstand. Ein Seyfried-Cartoon mit knollennasigen Polizisten brachte es 1998 sogar zum Titelbild einer Broschüre der Kreuzberger Polizei. Deren Titel: „Mehr Grün auf die Straße“.

— Gerhard Seyfried: Die Werke. Alle! (Herausgeben von Ziska Riemann, Vorwort F.W. Bernstein). Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main. 600 Seiten, 49,90 Euro.

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