In-Bezirk : Ein Neukölln-Reiseführer für Touristen

Der Tourismus in Berlin boomt und auch der Problembezirk Neukölln rutscht auf den To-Do-Listen der Besucher immer höher. Damit die sich auch zurechtfinden, gibt es nun einen neuen Reiseführer - nur für Neukölln.

Janina Guthke
Berlin-Neukölln ist für viele ein Schimpfwort, doch der Bezirk hat unterschiedliche Seiten zu bieten.Weitere Bilder anzeigen
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30.03.2010 15:50Berlin-Neukölln ist für viele ein Schimpfwort, doch der Bezirk hat unterschiedliche Seiten zu bieten.

Da ist man nun in einem In-Bezirk und weiß nicht, wohin man sich wenden soll. Der Doggerbank Verlag hat jetzt ein Buch herausgegeben, das zumindest in Neukölln dem verlorenen Gefühl vieler Touristen vorbeugen soll. Gerade noch rechtzeitig hat man das Gefühl. Denn nicht nur Studenten zieht es hierher. Aus allen Schichten und Bezirken kommen die verschiedensten Menschen, um in dem neuen In-Bezirk zu feiern, wegzugehen und die spezielle Atmosphäre zu erleben. Für alle, die hier nicht wohnen, aber den einst so verrufenen Bezirk kennenlernen wollen, gibt es nun einen neuen Reiseführer "Der kleine Stadtführer Neukölln"

Wer von dem Buch profitieren kann, ist recht eindeutig: Touristen und jene, die dem Hype gefolgt sind. So manch einem Zugezogenen bietet der 116 Seiten starke Reiseführer eine erste Orientierung abseits des Offensichtlichen. Welches Bier trinkt man, welche Galerien gibt es und was soll eigentlich "48 Stunden Neukölln" bedeuten? Der Reiseführer gibt Aufschluss. Auch gebürtige Neuköllner müssen bei vielen der erwähnten Sehenswürdigkeiten, Restaurants und kulturellen Stätten unwillkürlich nicken. Klar, das gehört zu Neukölln, das muss in so einem Reiseführer stehen: Der Puffermann vom Hermannplatz, die Blutwurstmanufaktur oder die neue Mode von der Rütli-Schule, genauso auch der ehemalige Geheimtipp-Vietnamese am Hermannplatz.

Zusätzlich zu den allgemeinen Informationen gibt es Mini-Porträts von typischen Neuköllnern. Darunter sind die Stadtteilmütter, die inzwischen weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt sind, der Brauer des Rollberg-Bieres und die Betreiberinnen des Heimathafens. So bekommen Nicht-Neuköllner fast das Gefühl dazuzugehören.

Nur für gebürtige Neuköllner im Exil, wie es die Autorin dieses Artikels ist, hat das Büchlein nicht viel Neues in der Hinterhand. Den meisten genannten In-Lokalitäten haben die Neuköllner dabei zugesehen, wie sie bekannt wurden. So sehr, wie der Bezirk zurzeit im Umbruch ist, der überall beschriene Hype verbreitet wird um die In-Szene, die sich in einstigen Problemvierteln ansiedelt, da muss es doch inzwischen noch mehr geben, als die altbekannten Tipps. Auch das Kartenmaterial am Ende des Buches kann nur einer allgemeinen Orientierung dienen, wer darauf angewiesen ist, sollte lieber auf einen Stadtplan zurückgreifen.

Natürlich soll das Buch ein positives Bild von Neukölln vermitteln - es ist immerhin ein Reiseführer und das merkt man auch. Die schwierige Situation Neuköllns als angerissen zu beschreiben, wäre übertrieben. Kurz erfährt man über die Probleme der Rütli-Schule und das Medienecho, doch das war es dann auch schon. Als jemand, der täglich mit den Problemen im Bezirk konfrontiert war oder ist, fehlt einem diese Seite. Und seien wir mal ehrlich, Touristen kommen sicher auch in den Bezirk, weil er inzwischen als "Berlins Bronx" bekannt ist. Auch wenn es nur logisch ist, dieses Image ändern zu wollen, ist es vielerorts noch Realität. Warum sollte man das dann nicht auch nutzen und die verschrobene Mischung in Neukölln in seiner ganzen Breite beschreiben?

Insgesamt ein solider Reiseführer für Ortsfremde, der Touristen und Zugezogene auch die Möglichkeit gibt, Neuköllner in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten.

"Der kleine Stadtführer Neukölln" 116 Seiten, erschienen im Doggerbank Verlag Berlin, Juni 2010, Preis 5,90 Euro

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