Stadtleben : „In Holland hätten Richter den Streik längst gestoppt“

Bart Funnekotter

Unbefristeter Streik bei der BVG. So hatte ich mich meinen Aufenthalt in Berlin nicht vorgestellt. Als ich meiner Kollegen und Freunden erzählte, dass ich zwei Monate in der Deutschen Hauptstadt arbeiten würde, waren manche ungeniert neidisch. „Berlin, Mann, das ist so eine tolle Stadt. Du Glückspilz.“ Jetzt aber höre ich oft ein bisschen Schadenfreude. „Und, wie gefällt dir das Laufen? Pass auf, sonst wirst du noch fit.“ Ja, ja, sehr drollig.

Ich bin als Urlauber schon oft in Berlin gewesen und die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel hat mich immer beeindruckt. Bus, Tram, S-Bahn, U-Bahn: so ein großes Netz gibt es zu Hause nirgends, auch nicht in Amsterdam. Aber was nutzt das alles, wenn die Fahrer keine Lust haben, zu fahren? Sich in Berlin ohne den öffentlichen Nahverkehr fortbewegen zu müssen, das ist ganz schön anstrengend.

Was mich sehr erstaunt, ist die Dauer des Streiks. So etwas wäre in der Niederlanden nahezu unmöglich. Die Fahrgäste würden nach ein oder zwei Tagen Streik nicht mehr solidarisch mit der Gewerkschaft sein, sondern schimpfen: „Wieso denken diese Egoisten nicht an die Menschen, die zur Arbeit müssen?“

Die Streikenden könnten diese Vorwürfe vielleicht ignorieren, reagieren aber würden die Gerichte. Ich kann mich an keinen Streik im öffentlichen Verkehr erinnern, der länger als zwei oder drei Tage gedauert hat. Dann sagte ein Richter immer: „Jetzt reicht es. Die Leute dürfen fahren müssen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer: verhandeln sie, und kommen sie nicht ohne Kompromiss zurück.“

So etwas ist hier vorläufig undenkbar, habe ich verstanden. Und deswegen habe ich mich mit meinem Schicksal versöhnt. Eine Stunde früher aufstehen, jeder Tag feste Schuhe anziehen und gemütlich mit der übervollen S-Bahn reisen. Mein Fahrrad habe ich leider zu Hause gelassen.

In der Niederlanden gibt es im Moment auch einen Arbeitskonflikt. Die Polizei möchte mehr Geld, aber die Innenministerin sagt nein. Die Verhandlungen sind Samstag gescheitert und die Gewerkschaften haben sich zu ’harter Aktion’ entschlossen. Deswegen bin ich jetzt an der Reihe, meine Freunde auszulachen. Wieso? Das erste Ziel des Polizeistreiks war der ‚Supersonntag' der Niederländischen Fußballliga. Deshalb gab es kein Spitzenspiel PSV gegen Ajax. Ajax hat noch versucht, den Streik untersagen zu lassen, aber vergebens. Es gibt aber auch gute Nachrichten für meine Landsleute: Die Polizei verteilt keine Strafzettel mehr. Das ist eine kluge Idee der Streikenden. Bart Funnekotter

Der Autor arbeitet beim Tagesspiegel im Rahmen eines deutsch-holländischen Journalistenauschtauschs.

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