Ingmar Neserke : Der Spaßmacher Gottes

Mit Bäffchen und Klampfe: Ingmar Neserke ist Pfarrer und Kabarettist Seine "christlich-satirische Unterhaltung" ist nun regelmäßig in Berlin zu sehen.

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Don Camillo aus dem Odenwald. Neserke in der Ölberg-Kirche. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Jetzt gibt’s Ärger“, sagt der Pfarrer, als die Fotografin statt des Lichtschalters in der Ölberg-Kirche den Knopf für die Glocke erwischt. Bimbam, bimbam, schallt es am Nachmittag durch Kreuzberg. „Gleich kommen die Leute und fragen, wer heute beerdigt wird“, unkt Ingmar Neserke. Ist schon ein paar Tage her, dass er nicht mehr in Berlin, sondern in einem kleinen Dorf im hessischen Odenwald lebt. In Kreuzberg kommt natürlich niemand, nur eine alte Dame aus der Gemeinde fragt eine Viertelstunde später: „Na, falschen Knopp erwischt?“

Fängt ja realsatirisch an, das Treffen mit Ingmar Neserke. Der ist 43, nicht nur Pfarrer sondern auch Kabarettist, und vertauscht ab Freitag zweimal im Monat die Kanzel im hessischen Ueberau mit der Bühne in der Ölberg-Kirche in der Lausitzer Straße. Christlich-satirische Unterhaltung nennt er sein Programm, das eine Mischung aus politischem Kabarett und Christenwitzen ist. Pfarrersnöte beim nächtlichen Grübeln über der Sonntagspredigt oder der Alltag im Biotop evangelischer Bibelkreise sind eben nicht nur in hessischen Gemeindesälen ein dankbares Thema für spitze Scherze.

Kirchenkabarett sei eine gute Nische, sagt Ingmar Neserke, „da kann man sein ganzes Bildungsbürgerzeug unterbringen und so viel Tiefgang haben, wie man will“. Bibelfest müsse das Publikum nicht sein, sagt der Familienvater, der auf der Kanzel und in der Bütt als Wortarbeiter im Auftrag des Herrn für „ein gelingendes Leben und gesellschaftliche Gerechtigkeit“ streitet. Knapp 40 Kirchenkabarettgruppen und -künstler gibt es in Deutschland, Neserke ist seit 2006 dabei. Vorher hat er in politischem Kabarett gemacht, zehn Jahre in Neukölln am Maybachufer gelebt, in der Scheinbar oder dem Kookaburra Comedy Club gespielt und mit Leuten wie Kurt Krömer, Urban Priol oder Arnulf Rating auf der Bühne gestanden. Und jetzt möchte Neserke mit der regelmäßigen Show zumindest wieder Teilzeit-Berliner werden. Dass dem Publikum im unchristlichen Berlin sein Kirchenkabarett schnuppe sein könnte, befürchtet er nicht. Er setzt auf den „West-Berliner Kulturprotestantismus“, die zigtausend Leute, die in kirchlichen Zusammenhängen arbeiten, und christliche Touristen. Außerdem sei Berlin die Stadt der Kleinkunst, und da brauche auch die evangelische Kirche ihre Stimme.

Den Nahkampf mit anderen Weltanschauungen probt Ingmar Neserke auch als Pfarrer im heimischen Odenwald. Das „rote Dorf“ Ueberau wird von der DKP regiert, und Neserke steht sozusagen als „Don Camillo“ einem kommunistischen Ortsvorsteher gegenüber. Das Motto seines letzten Karnevalsgottesdienstes hat er dementsprechend angepasst: „Am Evangelium von Jesus Christus kommt niemand links vorbei.“ Ansonsten hatte der mit einer Pfarrerin verheiratete, bezopfte Pastor aus der Großstadt beim Amtsantritt 2007 in der Provinz keine großen Akzeptanzprobleme: „Heute ist der Muslim mit Vollbart das Feindbild, nicht mehr der langhaarige Pfarrer.“

Vom Showtalent, dass ein Prediger ebenso gebrauchen kann wie ein Entertainer, will Neserke nichts wissen: zu oberflächlich. Aber liturgische Präsenz, die sei so nötig wie Bühnenpräsenz. Und bei der Verständigung zwischen Pfarrer und Gemeinde hilft bald ein Buch, das Neserke bei Langenscheidt herausbringt: „Pfarrer – Deutsch, Deutsch – Pfarrer“. Gunda Bartels

Ingmar Neserke tritt jedes zweite Wochenende in der Ölberg-Kirche, Lausitzer Str. 28, Ecke Paul-Lincke-Ufer auf. Auftakt ist am Fr/Sa 16./17.4., 20 Uhr, 14 Euro, Reservierung unter www.ingmar-neserke.de.

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