Integration : Ein Westeuropäer in Berlin

Der Engländer Stephen Bench-Capon lebt gerne in Deutschland. Es gibt vieles, was ihm hier gefällt. Doch auch für integrationswillige Ausländer westeuropäischer Herkunft verläuft der Alltag in der Bundesrepublik nicht immer reibungslos.

Stephen Bench-Capon

Die Integration der Ausländer ist in Deutschland gescheitert, sagt der frühere Berliner Finanzsenator und jetzige Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin. Es ist jedoch nicht leicht für uns Hergekommene, uns wohl zu fühlen. Wir kennen uns nicht aus, wir machen Fehler und wir nehmen Gebühren wie Strafen wahr. Unbetroffene merken den Druck nicht, unter dem wir ständig leben. Das Leben hier ist zwar keine Qual, aber es gibt schon einiges, das gut auf den Sack gehen kann.

Sprache – Ich habe Deutsch gelernt, aber auch eine sichere Beherrschung der Sprache rettet den Ausländer nicht vor Problemen. Der Ausweis ist nicht auf Deutsch. Der Ehevertrag ist nicht auf Deutsch. Dokumente müssen übersetzt und beglaubigt werden. Es hilft mir nicht, dass ich selber das deutsche Wort für „Name“ kenne. Ich muss trotzdem zum offiziellen Übersetzer und zum Notar, um alles auf möglichst bürokratische Weise machen zu dürfen. Das kostet Zeit. Und Geld. Und Nerven.

Geld – Dank der schwachen britischen Währung ist die Umrechnung zwischen Euro und Pfund mittlerweile ein Kinderspiel. Aber habe ich kein deutsches Konto, fallen beim Abheben Gebühren an. Also bringe ich das Queen-Geld mit und wechsele es hier. Mehr Gebühren. Also eröffne ich ein deutsches Konto bei der Sparkasse, weiß aber nicht, dass ich bei der Deutschen Bank fürs Abheben dann … Gebühren zahlen muss. Ganz zu schweigen vom waghalsigen Versuch, die englische Kreditkarte hier zu benutzen. Da erfahre ich erst Wochen später, dass der Schnitzel-Deal besser fürs Schwein ausgegangen ist als für mich.

Essen – Ich esse nicht plötzlich deutsch, bloß weil ich in Deutschland bin. Klar lehne ich keine Bratwurst ab, aber wenn ich selber eine Mahlzeit zubereite, brauche ich die Zutaten, die ich in der Heimat nutze. Die leckere HP-Fleischsoße, die an englischen Frühstückstischen allgegenwärtig ist, oder Kaltspeisen wie die Pork Pie (Schweinefleischpastete), sind hier entweder nicht zu finden oder unsinnig teuer. Buletten und Curryketchup sind in Ordnung. Doch nicht Zuhause.

Verkehr – Ich wusste schon, dass die Autos auf dem europäischen Kontinent auf der falschen Straßenseite fahren. Damit komme ich zurecht. Schwieriger ist das Fahrkartensystem bei der Bahn. An die Stelle schläfriger Ticketverkäufer treten Automaten. Statt des Alles-teuer-Prinzips gibt es verschiedene Tarife für Regionalbahn und ICE. Viele Schwarzfahrer tun es tatsächlich aus Versehen. Und viele davon sind Ausländer, die sich unfair bestraft fühlen. Dieses Problem ist allerdings nichts besonders Deutsches. Ich wurde sogar in England aus einem Zug geworfen, weil ich, vor kurzem aus dem Ausland zurückgekehrt, nicht wusste, dass ein Bierchenverbot eingeführt worden war.

Post – In der Weihnachtszeit wird sowieso viel Geld ausgegeben und wenn ich Zusatzkosten für Auslandspäckchen zahlen muss, wird es nicht billiger. Die wirklichen Probleme fangen allerdings erst dann an, wenn ich die Schecks von wohlmeinenden Tanten einlösen möchte. Wenn ich Glück habe, landet aus einem 10-Pfund-Weihnachtsgeschenk genug auf dem Konto, um den Dankeschön-Brief zurückzuschicken.

Elektrogeräte – Jeder Engländer, der schon mal in Deutschland war, weiß, dass die Stecker für sein Radio, Laptop und Lampen nicht in die deutschen Steckdosen passen. Weil weder neue Bekabelung noch ein Adapter für jedes Gerät besonders günstig ist, brachte ich in meiner Schlauheit eine englische Mehrfachsteckdose mit. Mit dieser kann ich mit nur einem Adapter gleichzeitig Tee kochen, Beatles hören und Sandwiches toasten. Nur wenn ich dann versuche, mich etwas zu integrieren und eine deutsche Kaffeemaschine kaufe, stoße ich auf Widerstand. Da passt der deutsche Stecker natürlich jetzt nicht mehr.

Zufällig bin ich Christ mit weißer Haut. Ich bin also kein potenzielles Opfer potenzieller Fremdenfeindlichkeit. Und ich weiß: Auch wenn Ausländer oft komisch angeschaut werden, ist dieses Land meistens kein fremdenfeindliches. Aber denken Sie dran, wenn Sie nächstes Mal einen fluchenden Fremden auf der Straße sehen: er ist kein böser Mensch – er hatte bloß mit den 4,00€ für ein Gläschen originellen Colman’s Senf nicht gerechnet und kann sein Full English Breakfast nun nicht verwirklichen.

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