Integration : Von Antalya nach Karow

Heike und Mehmet Canbulat wurden aufgrund ihrer deutsch-türkischen Ehe massiv gemobbt. Jetzt hat das Paar ein Buch über die Mühen der Integration geschrieben. Es heißt: "Als der Wind sich drehte".

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Angekommen. Heike und Mehmet Canbulat wehrten sich gegen die Anfeindungen der Umwelt – und hatten damit Erfolg. Ihr Buch trägt den Titel „Als der Wind sich drehte“. Foto: Mesut Hastürk
Angekommen. Heike und Mehmet Canbulat wehrten sich gegen die Anfeindungen der Umwelt – und hatten damit Erfolg. Ihr Buch trägt den...

Sie hatte sich in Antalya verlaufen, er sah’s, half und gab ihr für alle Fälle seine Telefonnummer. So begann vor sieben Jahren die Liebesgeschichte von Heike und Mehmet Canbulat. Doch als aus der Romanze 2006 eine deutsche Ehe wurde, stand das Paar, heute 39 und 30 Jahre alt, auf einmal vor einer Mauer von Ablehnung und offenem Hass. Heike Canbulats Familie brach wegen des türkischen Schwiegersohns mit der Tochter, und im Pankower Ortsteil Karow, wo beide mit ihren Kindern wohnten, wurde die Familie massiv gemobbt – der Tagesspiegel berichtete seinerzeit darüber. „Vor zwei Jahren waren wir völlig verzweifelt. Jetzt sind wir an einem anderen Punkt“, sagt Heike Canbulat. „Ein Grund dafür ist dieses Buch.“

Die Canbulats nämlich haben ihre Erlebnisse in einem schmalen Bändchen beschrieben, das jetzt erschienen ist: Wie es war, als das Jugendamt Heike Canbulat des türkischen Ehemanns wegen die drei Kinder aus erster Ehe wegnehmen wollte, wie sie selbst als Türkenschlampe beschimpft und geschlagen, die Fenster der Wohnung mit Eiern beworfen wurden und schließlich in ihrer Tür ein Messer mit einem Zettel steckte: „Haut ab!“ In der Kita, in der sie ihren gemeinsamen Sohn anmelden wollten, bekamen die Eltern zu hören, dass man Türkenkinder hier aber nicht wolle. Heike Canbulat wurde körperlich und seelisch krank, der Druck drohte die Familie zu sprengen. „Unsere ältere Tochter hatte sich gut mit mir verstanden“, sagt Mehmet Canbulat. „Plötzlich wünschte sie sich, ich würde zurück in die Türkei fliegen.“ In der Schule hatte sie wegen des neuen Vaters Freundinnen verloren.

Die glücklichere Lage der Canbulats heute hat aber nur zum Teil mit der Selbsttherapie durchs Buchschreiben zu tun. Auch dass sie sich wehrten, hat geholfen. Nachdem der türkische Generalkonsul sich an den Bezirk gewandt hatte, hätten beide jetzt Ansprechpartner in der Verwaltung, sagt Heike Canbulat, und „die Integrationsbeauftragte, die bis dahin nie einen Termin hatte, hatte dann einen“. Die Kinder der Canbulats haben die Schule gewechselt.

Dem in all den Jahren oft gehörten und mal gut, mal weniger gut gemeinten Rat, doch einfach wegzuziehen, wollten und konnten sie aber nicht folgen: Die halbwüchsigen Kinder wollten sie nicht in die Türkei verpflanzen, und Mehmet Canbulat hatte einen guten Job in Antalya aufgegeben. Und außerdem habe man trotz allem Freunde in Karow.

Anstelle der „Integrationslüge“, mit der sich ihr Buch ebenfalls auseinandersetzt, wünscht Heike Canbulat sich mehr Akzeptanz: „Warum ist es ein Problem, wenn ein Kind in der Kita kein Schweinefleisch isst?“

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