Internet-Projekt : Die Literatourführer

Berliner Autoren dokumentieren ihre Streifzüge durch die Stadt. Das Ergebnis stellen sie ins Internet.

Sebastian Leber
Literaturport
Durch die Nacht. Tilman Rammstedt vor dem "Schwarz Sauer". -Foto: Tobias Bohm

Am Ende landen sie im „Schwarz Sauer“, der angesagten Kneipe an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Es ist schon halb fünf und Tilman Rammstedt bestellt sich ein letztes Flaschenbier. Viel früher am Abend haben sie All’Arrabiata gegessen in so einem Laden in Mitte, dann etwas Geld beim Roulette verloren im Casino, oben in der 37. Etage des Park-Inn-Hotels, dann weiter zum Kottbusser Tor, Wodka aus Plastikbechern trinken, und schließlich nach Prenzlauer Berg zum Kollwitzplatz. Mitten in der Nacht haben sie Tischtennis gespielt an einer schlecht ausgeleuchteten Steinplatte. Und jetzt sitzen sie im „Schwarz Sauer“, dem „Sammelbecken der Nichtschlafenwoller und Nichtschlafenkönner“, wie Rammstedt sagt. Neben ihm hocken ein Kumpel und dann noch ein schweigsamer Finne. Keine Ahnung, wer das ist, der Typ ist irgendwann im Laufe des Abends zu ihnen gestoßen und jetzt warten sie hier gemeinsam, dass es Morgen wird.

Tilman Rammstedt ist 32 und Berliner Schriftsteller, zuletzt hat er den Roman „Wir bleiben in der Nähe“ veröffentlicht. Seine Erinnerungen an die durchgemachte Nacht hat er aufgeschrieben und ins Internet gestellt. Mit genauen Uhrzeiten, Fotos und Adressen. Damit jeder, der will, sich selbst auf den Weg machen und vielleicht ebenfalls einen schweigsamen Finnen kennenlernen kann.

Sein Streifzug war eine Auftragsarbeit für das Internetportal „Literaturport“, ein Gemeinschaftsprojekt des Literarischen Colloquiums Berlin und des Brandenburgischen Literaturbüros. Seit zwei Jahren versucht die Plattform, Anlaufstelle und Netzwerk für Lese-Interessierte zu sein. Zum Beispiel mit den Stadtspaziergängen. „Literatouren“ heißen die offiziell. Fünf gibt es schon, zwölf sollen es werden. Mindestens.

Tilman Rammstedts Erinnerungen kann man nicht nur nachlesen, sondern sich auf Wunsch auch vorlesen lassen, die Hörversion liegt als MP3-Datei zum Runterladen bereit. Und ein Berlinplan auf der Seite zeigt an, wo genau die aufgesuchten Stationen im Stadtgebiet verteilt liegen. Plus die Info, wie viele Stunden man ungefähr einplanen und welche Strecke man zurücklegen muss. Für Rammstedts Tour sind es neun Stunden und 50 Kilometer, das kommt daher, dass der Schriftsteller zwischen zwei Barbesuchen noch schnell einen Abstecher raus zum Tegeler Flughafensee gemacht hat. Nachts spaziert es sich dort sehr angenehm, schreibt er. Und die Begegnung mit einer Wildsau ging auch glimpflich aus.

Andere Autoren sind lieber tagsüber durch die Stadt gestreift, können aber ebenfalls von wunderschönen, fast unwirklichen Momenten berichten: Der isländisch-deutsche Autor Kristof Magnusson etwa fütterte Möwen am Landwehrkanal und besuchte das Grab von Felix Mendelssohn Bartholdy auf den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor. Es ist ein schlichtes weißes Kreuz, Magnusson kommt öfters her, um nachzudenken. Tanja Dückers dagegen hat bei ihrem Spaziergang viel heiße Schokolade getrunken und war im Planetarium. Diese Tour steht noch gar nicht im Internet. Die wird erst kommende Woche online gestellt, sagt Claudia Schütze vom Literarischen Colloquium. Sie koordiniert das Projekt, steht in Kontakt zu den Autoren. Was das Besondere ist, wenn Schriftsteller durch die Stadt ziehen? „Sie sind Seismographen“, sagt Schütze. „Sie sehen Details mit anderen Augen und finden andere Bilder“. Aber das muss man selbst nachlesen. Die Klickraten könnten besser sein: 400 sind es bis jetzt pro Tag, die sich für eine Stadttour interessieren. Bald dürften es mehr sein, denn die Seite spricht sich herum und in den nächsten Wochen werden Judith Hermann und Katja Lange-Müller ihre Texte veröffentlichen. Und wenn die Förderung durch die Landesinitiative „Projekt Zukunft“ weitergeht, bekommen noch mehr Autoren die Chance. Vielleicht könnte auch Tilman Rammstedt einen zweiten Teil schreiben. Denn morgens um fünf bietet ihm der Kellner im „Schwarz Sauer“ an, statt schlafen zu gehen auf die Morgenschicht zu warten und dann erstmal ein Frühstück zu bestellen. „Kann man sich überlegen“, hat Rammstedt geheimnisvoll geschrieben.

Die Seite im Internet:

www.literaturport.de

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