Internet : Weblogs über Berlin: Stadt, Land, Stuss

Ian Barwick ist Brite, wohnt in Prenzlauer Berg und führt ein Internet-Tagebuch über seinen Alltag in der Hauptstadt. Damit ist er nicht allein: Wer aus der Ferne nach Berlin kommt, muss sich oft wundern und stellt seine Erlebnisse ins Internet.

Sebastian Leber
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Gastbeitrag. Der Brite Ian Barwick lebt seit 16 Jahren in der Stadt. In seinem Internet-Blog berichtet er Landsleuten über seinen...Foto: Mike Wolff

Diese merkwürdigen Preußen. Stellen sich in Uniform und mit Pickelhaube auf den Alexanderplatz, spielen Blasmusik und feiern was? Die Einweihung einer öffentlichen Toilette. Sogar der Bürgermeister ist gekommen.

Die Szene ist Ian Barwick noch gut in Erinnerung. Er hat sie schließlich vor zwei Monaten hautnah miterlebt und noch am selben Tag aufgeschrieben – und die ganze Welt kann es lesen. Ian Barwick ist 34 und Brite. Jedenfalls technisch gesehen, sagt er. Denn seit 16 Jahren lebt er in Berlin. Er arbeitet in der Computerbranche, wohnt mit seiner Frau in einer Dachgeschosswohnung in Prenzlauer Berg. Und weil die Deutschen im Allgemeinen und die Berliner im Speziellen oft sonderbare Dinge anstellen, führt Ian Barwick ein eigenes Blog. Ein Internet-Tagebuch mit der Adresse www.berlin-faq.com/blog in dem er alle Erfahrungen aufschreibt, damit auch die Verwandten und Freunde in der Heimat den Kopf schütteln können. Etwa darüber, dass Berliner vor neuen Elektromärkten Schlange stehen. Dass sie mit Fahrrädern über die Autobahn rasen und das dann „Sternfahrt“ nennen. Und dass sie Angst haben vor Briefen mit dem Namen „Betriebskostenabrechnung“. Wenn möglich, macht Barwick Fotos und stellt sie zu seinen Berichten ins Netz.

Ian Barwick ist nicht der einzige Stadt-Blogger. Eine Reihe von Briten, Franzosen, Amerikanern und Australiern verarbeitet ihre Berlinerlebnisse in Online-Tagebüchern. Die zu lesen, lohnt sich auch für Berliner, denn sobald man seine Stadt aus der Perspektive eines Zugezogenen erlebt, nimmt man sie anders wahr. Man lernt sogar Erstaunliches. Ian Barwick etwa geht in Prenzlauer Berg ins Schwimmbad und fragt sich später zu Recht, ob der Name „Europa Sportpark“ nicht ganz schön „ambitioniert“ sei. Ein anderer schreibt, dass Berliner zwar dauernd schlecht über Moabit reden, dass es dort aber wunderbare Kneipen gibt. Und dass der klotzige Potsdamer Platz im Abendrot richtig romantisch aussieht.

Oft sind die Einträge reinste Liebeserklärungen. „Secret Chicken“ zum Beispiel, 29, aus Seattle, listet in ihrem Tagebuch berlinstuff.blogspot.com alles auf, was sie an Berlin schätzt: das Einkaufen in der Alten Schönhauser Allee, die freundliche Bedienung in der Mitte-Bar, den preiswerten Wein. Und dass die U-Bahn-Stationen ihren ganz eigenen, angenehmen Geruch haben. „Secret Chicken“ mag auch die Partys, auf denen ausschließlich Depeche Mode gespielt wird. So was gibt es in den USA gar nicht. „Ich liebe Berlin und ich weiß, dass ich hier hingehöre“, schreibt sie in ihrem Blog. Nur die deutsche Sprache fällt ihr schwer, besonders die Komma-Regeln: „The grammar is such a bitch.“ Ihren deutschen Freunden gibt sie dabei eine Mitschuld: Die sprächen einfach zu gut Englisch, als dass sie selbst aufs Deutschlernen angewiesen wäre.

Auch andere Blogger halten fest, was sie an Berlin stört. Für den einen sind es „die Frauen in den Hackeschen Höfen mit zu viel Make-up“, für den anderen „nervende Jugendliche in der U9“. Eine Amerikanerin klagt, dass sie im Fernsehen seit kurzem kein „BBC World Channel“ mehr empfangen kann. Auf dem Kanal liefen jetzt Dauerwerbesendungen und Pornos – und beides auch noch auf Deutsch. Einig sind sich alle Blogger in einem Punkt: Die Stadt hat Zukunft. Viele möchten für immer hier leben. Auch deshalb, weil die allermeisten Berliner überaus gastfreundlich seien.

Ian Barwick findet die deutschen Telefontarife kompliziert. „That is a Fass ohne Boden“, schreibt er. Immer wieder greifen die Blogger bei ihren Beschreibungen auf deutsche Begriffe zurück. Der amerikanische Betreiber des BerlinTagebuchs hermann.blog.com attestiert den Deutschen „a complete lack of Anerkennung“ gegenüber ihren Fußballerinnen. Die Britin, die unter dem Pseudonym „Bowleserised“ auf der Internetseite bowleserised.blogspot.com schreibt, versucht sich inzwischen ganz auf Deutsch. Das liest sich dann so: „Gestern Bowleserised ist im Friedhof spazieren gegangen; sie ist gekommen zu einem Schwätzchen rein mit die Tiere.“ Aber sie lernt schnell. Ihr Lieblingsmotto prangt bereits in korrektem Deutsch auf der Startseite. „Das Leben ist kein Ponyhof“, steht dort.

Oft sind die Blogger geschichts- und traditionsbewusster als der Durchschnitts-Berliner: Ian Barwick rechnet in seinem Blog Eurobeträge in D-Mark um. Sieht er Menschen in der Schlange stehen, fragt er im Spaß, ob die womöglich „Begrüßungsgeld“ wollen. Und als „Secret Chicken“ von einem Gewitter mit lautem Donner berichtet, überlegt sie, ob es damals wohl so ähnlich klang. Damals, als im Zweiten Weltkrieg die Bomben auf Berlin fielen.

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