Interview : "Anketten finde ich okay"

Beim Politikfestival "Berlin 08" spielten "Wir sind Helden" vor tausenden Jugendlichen. Und wie retten sie selbst die Welt?

"Wir sind Helden" Foto: Davids
Engagiert. Judith Holofernes und Mark Tavassol traten beimm Festival "Berlin 08" auf. -Foto: Davids

Mehr als 11 000 Jugendliche haben sich am Wochenende beim Politfestival „Berlin 08“ in der Wuhlheide getroffen, um über Globalisierung, fairen Handel und Sicherheitspolitik zu diskutieren. Höhepunkt war der Auftritt der Berliner Popband Wir sind Helden. Vorher haben Sängerin Judith Holofernes, 31, und Bassist Mark Tavassol, 34, verraten, wie weit politischer Protest gehen kann und warum ihnen Bob Dylan zu militant ist.

Hier werben Gruppen um Nachwuchs, vom Chaos Computer Club bis zur Jungen Union. Sind Sie selbst irgendwo Mitglied?

Tavassol: Ich bin beim Mieterschutzbund. Parteibücher haben wir keine. Die meisten Leute hier wahrscheinlich auch nicht, die arbeiten eben in Initiativen mit.

Muss man als junger Mensch, der sich politisch engagiert, auch mal Regeln brechen?

Holofernes: Das kann nötig sein, um Eindruck zu hinterlassen. Aber es sollte gewaltfrei sein und niemand darf zu Schaden kommen. Sich irgendwo für einen guten Zweck anzuketten, finde ich okay.

Tavassol: Ja, ziviler Ungehorsam ist wichtig. Naziaufmärsche zu blockieren, ist auf jeden Fall eine gute Sache.

Was war denn das Illegalste, das Sie selbst jemals für ein politisches Anliegen gewagt haben?

Tavassol (grinst): Ich war Streikposten an der Uni, als wir gegen Studiengebühren gekämpft haben. Ich stand vor dem Hörsaal und hab’ mich Medizinstudenten in den Weg gestellt, die unbedingt rein wollten. Ganz legal war das nicht.

Holofernes: Ich war mit 14 bei der Antifa, aber ob wir damals viel Illegales gemacht haben, weiß ich wirklich nicht mehr. Ansonsten lief mein Protest eher über die Hippie-Schiene: Mahnwachen und so.

Heute spielen Sie oft bei politischen Veranstaltungen, voriges Jahr in Rostock bei den G-8-Protesten, neulich vor dem Brandenburger Tor für den Dalai Lama. Was machen Sie im Alltag?

Holofernes: Ich schreite ein, wenn ich eine Ungerechtigkeit erlebe. Ich werde etwa sehr wütend, wenn einer Kinder schlägt. Das ist oft gar nicht fest, ich spreche hier von diesem „gesellschaftlich tolerierten Klapsbereich“. Da muss ich handeln. Und das fällt mir schwer, weil ich eigentlich ein höflicher Mensch bin.

Sie leben seit Jahren in Kreuzberg. Haben Sie die brennenden Autos und Hausbesetzungen der letzten Monate mitbekommen?

Holofernes: Klar. Aber eigentlich erlebe ich eher das, was man „Hipsterisierung“ nennt. Der Wrangelkiez etwa wird leider schicker und unpolitischer. Aber im Moment ist das noch relativ erträglich.

Also sehen Sie trotz „Berlin 08“ keine neue Bewegung von politischen Jugendlichen?

Holofernes: Ich glaube, dass die Leute immerhin langsam anfangen, über den Klimawandel nicht nur zu reden, sondern auch etwas bei sich zu verändern. Das sind Dinge wie: weniger Auto fahren, den Stromanbieter wechseln, weniger Fleisch essen.

Wir sind Helden liefern für viele Fans den Soundtrack zu ihrer politischen Haltung. Haben Sie selbst Lieblingsprotestsongs?

Holofernes: Früher war es ganz klar „Masters of war“ von Bob Dylan, ein Song gegen Kriegstreiber. Aber der ist mir inzwischen zu militant. Am Ende heißt es da: „Ich werde auf eurem Grab stehen, bis ich sicher bin, dass ihr tot seid.“ Mein neuer Favorit: „Der Traum ist aus“ von Ton Steine Scherben. Ein zeitlos guter Klassiker.

Die Fragen stellte Sebastian Leber.

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