Italo-Pop : Der Schmachtfetzer

Bad im Klischee: Eros Ramazotti, der unangefochtene Anführer des Italo-Pop, singt zum Tourauftakt in der O2-World.

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Süßer Silberblick. Eros Ramazotti. Foto: dpadpa

Vielleicht ist eines der Geheimnisse des unglaublichen Erfolgs von Eros Ramazzotti, dass er kein Problem damit hat, in Klischees zu baden. Man kann das in seinen Musikvideos sehr schön beobachten, besonders in jenen, die er mit Duettpartnerinnen gedreht hat, mit Cher, Anastacia und mit Tina Turner. Die Damen singen Englisch, Eros Ramazzotti natürlich Italienisch. Beim „Cosas De La Vida“ mit Tina Turner von 1997 beispielsweise läuft sie in einem gürtelbreiten schwarzen Röcklein durch barocke italienische Gassen und trifft auf der Piazza ihren Gesangspartner. Der ist zuvor in einem schwarzen Oldtimer über atemberaubende italienische Küstenstraßen gekurvt und hat sich verzehrt, wie niemand sonst sich verzehren kann. Auf der Piazza fangen sie dann an zu tanzen, während im Vordergrund eine italienische Mamma an einem Gemüsestand pralle Tomaten fürs abendliche Pastaessen einkauft und ein paar verdorrte Männer im Café Espresso trinken. Am Ende tanzen alle. Ja, so sind sie, die Italiener.

Eros Ramazzotti verschmilzt seit 25 Jahren die schönsten Italienklischees mit solidem Softrock, der gerade genug E-Gitarren-Elemente enthält, um nicht zu triefen, zu einer erfolgreichen Melange. Er bedeutet für Italiener das, was für Deutsche das Oktoberfest ist: populäres Kulturgut, von dem man im Ausland glaubt, man könne damit eine ganze Nation charakterisieren. Seit er 1981 seinen ersten Plattenvertrag unterschrieb, hat er mehr als 50 Millionen Platten verkauft, sein Greatest-Hits-Album gewann 2007 zehnmal Platin und war die meistverkaufte CD in Italien. Er ist der unangefochtene Anführer des Italopop.

In der Welt von Eros Ramazotti ist der Himmel immer weit, die Panoramafenster, aus denen er mit leichtem Silberblick sehnsuchtsvoll in die Ferne oder auf eine beleuchtete Skyline blickt, riesig, die Möbel weiß, die Böden spiegelnd. Es ist eine aufgeräumte Welt, in der es sich prima von Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft singen lässt. Wie beliebt er in Deutschland ist, zeigt allein schon seine „Wetten,dass…?“-Bilanz. Bereits neunmal war er da, damit kann er Joe Cocker Konkurrenz machen. Zuletzt saß er im Januar auf der Couch, um sein neues Album „Ali E Radici“, Flügel und Wurzeln, zu promoten und ein bisschen mit seiner Ex-Frau Michelle Hunziker, dem neuen Sidekick von Thomas Gottschalk, zu schäkern.

Erstmals seit vier Jahren kommt er nun wieder auf Deutschlandtournee. Los geht’s Donnerstag in Berlin in der O2-World. Mittlerweile ist er 46, trägt eher dunkle Hemden statt zerrissener Jeansjacken über nacktem Oberkörper und das graumelierte Haar kurz. Die Plattenfirma gibt sich ambitioniert, wenn sie erklärt, was sein neues Album sagen will: „Die Texte behandeln mit größerer Aufmerksamkeit, größerem Glauben und größerer Sorge soziale Themen wie die Unfähigkeit zur Kommunikation zwischen den Menschen oder die Gewalt gegen Mensch und Natur.“ Auf diesen Anflug von Sozialkritik dürften seine Fans pfeifen. Zum Glück gibt es auf dem Album „Ali E Radici“ auch Songs wie „L’orizonte“: „Nach langer Zeit voller Wolken am Himmel klärt sich der Horizont und nährt die starke Hoffnung, dass diese Liebe die richtige ist.“ Na bitte. Das geht doch wieder in die richtige Richtung. Lisa Seelig

11. März, O2-World, 52–69 Euro

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