ITB : In der Klemme

Der Stand des schwul-lesbischen Reiseverbandes steht ausgerechnet zwischen Russland und den USA.

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Wahrscheinlich ist es dem Friedensnobelpreiskomitee in Oslo bisher entgangen, was für eine Leistung die Veranstalter der weltgrößten Tourismusmesse jedes Jahr vollbringen. Folglich möchte der Tagesspiegel die Messe Berlin hiermit wegen ihrer friedensstiftenden Arbeit wärmstens für den Preis empfehlen.

Die ITB-Planer haben gut 11 000 Verbände, Firmen und Organisationen aus 187 Ländern auf 26 Hallen verteilt. Das erforderte diplomatisches Geschick. Denn bei der ITB geht es nicht um Landmaschinen oder Handys, sondern um Menschen und Kulturen. Die Messe Berlin verfolgt dabei heimlich eine Strategie getreu dem Motto „Verbinden statt spalten“. So platzieren die Planer regelmäßig Israel und Iran in einer Halle, wohl in der Hoffnung, dass sich die Gesandten unterm Funkturm schätzen lernen, auf dass auch in ihrer Heimatregion bald Frieden herrschen möge. In Halle 2 haben die ITB-Planer diese Strategie diesmal noch weiter getrieben ...

Wer das Gelände am Eingang Süd betritt und gleich in diese Halle einbiegt, findet sich zwischen den alten Fronten wieder: Rechts die Russen, links die Amerikaner. Die Supermächte vertragen sich heute ganz gut. Beide Länder präsentieren sich in ihren Nationalfarben Rot, Weiß, Blau. Man geht los, rechts liegt Sankt Petersburg, links Florida. Rot, Weiß, Blau, Rot, Weiß, Rosa. Rosa?

Da steht man vor dem Stand der IGLTA, der „International Gay & Lesbian Travel Association“, dem Welttourismusverband der Schwulen und Lesben. „May I help you?“, fragt Loann. „Ja. Wo kommen Sie denn plötzlich her?“ Sie erklärt, dass ihr Verein zum zweiten Mal auf der ITB vertreten ist und zum ersten Mal hier, eingeklemmt zwischen den nicht gerade für ihre Homosexuellenfreundlichkeit bekannten Supermächten. Warum, wisse sie auch nicht. Auffällig ist nur: Alle anderen Organisationen haben die Standplaner unter der Rubrik „Segmente“ in anderen Hallen untergebracht. Nur dieses eine „Segment“ unter der Regenbogenflagge tanzt aus der Rolle.

Am Stand der IGLTA ist die Stimmung prima. Das liegt sicher auch an dem gut gebauten Typen mit freiem Oberkörper und der langbeinigen Blondine mit Pumps, Riesenbusen und tiefherber Stimme. Man darf mit ihnen vor einer Stellwand fürs Foto posieren. Klaus Wowereit hat das bei seinem Rundgang schon gemacht. Auf dem Tresen liegen Broschüren für Städtereisen: Die Regenbogengemeinde zieht diese Saison offenbar nach Wien, Stockholm, Antwerpen. Aber wohl kaum nach Wolgograd oder Huntsville in Alabama, wo Bücher homosexueller Autoren aus öffentlichen Büchereien verbannt worden sind.

An den Ständen rechts und links wollen sich weder der Cowboy aus Idaho noch der Moskauer Hotelfachmann zum Thema äußern. Die Messe Berlin behauptet übrigens, die IGLTA selbst wollte dort platziert werden. Sobald der Anruf aus Oslo kommt, geben Berlins bescheidene Friedensstifter aber sicher zu, dass ihr Plan dahintersteckt. Kevin P. Hoffmann

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