Stadtleben : Jetzt wird’s bunt

Wandmalerei soll die triste High-Deck-Siedlung in Neukölln verwandeln. Ein Projekt in Lyon ist dafür Vorbild

Claudia Keller

Ein Auto bremst vor der Bank, ein Mann hastet zum Geldautomaten. Danach hört man ihn fluchen. Denn der Automat ist nicht echt. Er ist nur gemalt. Auch das vierstöckige Wohnhaus mit den teils geöffneten Fenstern darüber und die steile Treppe daneben sind nichts als eine optische Täuschung.

„Ist ja irre“, sagt Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Zusammen mit Mitarbeitern der Wohnungsbaugesellschaft „Stadt und Land“, Bezirkspolitikern, einem Unternehmer und einer Quartiersmanagerin ist er vergangene Woche nach Lyon gereist, um sich Wandmalerei anzuschauen und sich erklären zu lassen, wie man damit abgerutschte Stadtviertel sozial verändern kann. Denn das wollen sie auch in der High-Deck-Siedlung am unteren Ende der Sonnenallee in Neukölln versuchen.

Lyon ist die Hauptstadt der Fassadenkunst. Die Künstler der Cité Création machen von Kanada bis Moskau mit ein bisschen Farbe aus toten Winkeln belebte Gassen, verwandeln triste Plattenbauten in heimelige Altbauviertel. Auch in Hellersdorf sind die Verwandlungskünstler am Werk – und seit einem Monat in Neukölln. Im Auftrag der „Stadt und Land“ sollen sie dem „Senioren-Schlösschen“ in der High-Deck-Siedlung ein neues Kleid verpassen. In der Heinrich-Schlusnus-Straße 8 bis 12 wohnen ältere Menschen, daher der Spitzname.

Wo heute eintöniges Grau in strenge Formen gegossen ist, sollen sich bald gelbe und rote Jugendstil-Ornamente an den Fassaden hochranken. Zusätzlich wird optisch eine zweite Ebene aufgesetzt: Die größte Vogelvolière Berlins soll hier entstehen – gemalt. Lässt sich die Computersimulation auch nur halbwegs realisieren, dann sind die Gebäudekomplexe mit den 214 Wohnungen wohl bald nicht wiederzuerkennen.

Die Fassaden in der Schlusnus-Straße sollen aber nur der Anfang sein. Danach soll die komplette High-Deck-Siedlung neu gestaltet werden. Und nicht nur das: Durch die optische Verwandlung des Kiezes erhoffen sich Wohnungsbaugesellschaft, Bezirkspolitiker und die Quartiersmanagerin auch einen sozialen Wandel. „Am Ende des optischen Verwandlungsprozesses muss eine neues Image und eine neue Identität der High-Deck-Siedlung stehen“, sagt Buschkowsky. Dann müsse das Viertel auch einen neuen Namen bekommen. „Vielleicht Lyon-City?“

Die High-Deck-Siedlung aus den 70er Jahren hat 2500 Wohnungen. In den vergangenen Jahren sind immer mehr bürgerliche Familien weggezogen, mittlerweile steht ein Viertel der Wohnungen leer. Zugezogen sind oft arbeitslose Einwandererfamilien, in den vergangenen zwölf Monaten Roma, die die Probleme weiter verschärft haben.

Wie man mit städtebaulichen Maßnahmen soziale Veränderungen anstößt, hat Lyon vorgemacht. In den 70er und 80er Jahre brannten in den grauen Vorstädten der südfranzösischen Stadt jeden Tag ein Dutzend Autos, sagt Halim Bensaid von der Cité Création, der damals in einem der berüchtigten Vororte wohnte. Als es vor drei Jahren in Paris und anderen französischen Städten brannte, blieb Lyon verschont. „Wir hatten unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Bensaid. In den 90ern wurden einige Wohnsilos vor der Stadt abgerissen, sozial schwache Anwohner auf andere Stadtteile verteilt. In anderen Vierteln ging man so vor wie jetzt in der High-Deck-Siedlung: Mit Spachtel und Farbe und unter Einbeziehung der Anwohner. Im Sommer fragte Halim Bensaid in drei Workshops die Bewohner: Was sind die Probleme im Kiez? Was gefällt ihnen hier? Es stellte sich raus, dass viele die grüne Umgebung schätzen und dass man Vögel zwitschern hört – die Idee mit der gemalten Volière und Pflanzenornamenten war geboren.

Damit sich auch die Jugendlichen mit der Umgestaltung identifizieren – und sie nicht mit Graffiti zerstören – arbeiten auch sie an dem Projekt mit. Dazu hat die Firma Big B, die zur Handwerksgruppe Muschiol gehört, vier Ausbildungsplätze geschaffen. Jugendliche aus der High-Deck-Siedlung werden bei der Arbeit an den Fassaden zu Malern und Lackierern ausgebildet. Nächstes Jahr will Frank-Peter Muschiol weitere Azubis aus der Siedlung anstellen. „Wir wollen den Jugendlichen keine ABM-Maßnahme bieten, sondern eine echte Chance“, sagt der Unternehmer. Am Montag wird er dafür mit dem Berliner Integrationspreis ausgezeichnet. Quartiersmanagerin Ines Müller hofft außerdem, dass sich die Generationen auf diese Weise näher kommen, dass die Senioren ihre Angst vor den Jugendlichen verlieren und die Jungen Verständnis gewinnen.

Dass so etwas tatsächlich gelingen kann, nur weil die Fassaden ein neues Gesicht bekommen, erzählt Jean-Marc Heitzmann, der seit 30 Jahren in der „Tony Garnier“-Siedlung in Lyon lebt. Vor 15 Jahren wurde das Viertel umgestaltet, davor wollte hier niemand hin-, aber alle von hier wegziehen. „Jetzt will hier keiner mehr weg“, sagt Heitzmann. Früher habe es große Probleme gegeben, keiner habe sich interessiert. Dann seien die Künstler gekommen und hätten die Anwohner zusammengebracht. Heute gehen die Nachbarn aufeinander zu, wenn es Schwierigkeiten gibt, und alle seien stolz, hier zu wohnen. Der einstige Problemkiez steht heute wegen seiner Fassadenkunst in jedem Touristenführer, jährlich kommen 30 000 Besucher.

So etwas schwebt auch den Neuköllnern vor. „Das Projekt an der Schlusnus-Straße kann nur das Start-up-Unternehmen sein“, sagt Buschkowsky. Dieser Anfang kostet 220 000 Euro, die zu zwei Dritteln „Stadt und Land“ übernimmt, zu einem Drittel der Bezirk. Ob sich das Projekt auf die ganze Siedlung ausdehnen lässt, hängt von der privaten Wohnungsbaugesellschaft Capricornus ab, denen 80 Prozent der Wohnungen gehören. Auch bei Capricornus ist man begeistert von dem Ansatz der Lyoner. Allerdings wisse man noch nicht, wo man die geschätzten 1,5 Millionen Euro dafür hernehmen soll, zumal man mit den Folgen der Finanzkrise kämpfe.

Auf einem Fassadenbild in Lyon parkt ein Renault. Kommt ein neuer Typ des Wagens auf den Markt, lässt Renault das Bild auf eigene Kosten aktualisieren. Wenn der Großflughafen Schönefeld gebaut ist, könne man vielleicht TuiFly oder Easyjet an der Fassadenkunst beteiligen, sagt der Mitarbeiter von Capricornus. Ein Anfang jedenfalls ist gemacht.

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