Johnny Knoxville : Neues vom Volltrottel

Johnny Knoxville war auf MTV "Jackass" der Held einer Stuntshow mit Masochismusqualitäten. Jetzt feierte er am Potsdamer Platz die 3-D-Kinoversion seiner aktuellen Leiden.

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Jacke wie Hose: Jackass-Star Johnny Knoxville in Berlin.
Jacke wie Hose: Jackass-Star Johnny Knoxville in Berlin.Foto: dpa

Langsam könnte er sich zur Ruhe setzen. Er war lebendige Paintball-Zielscheibe, clownesker Torero, wurde von scharfen Hunden angefallen und vom K1-Koloss Butterbean als Sandsack benutzt. Aber Johnny Knoxville, im nächsten Jahr 40 Jahre alt, zelebriert in „Jackass 3D“ fürs Kino seine ganz persönliche Rückkehr in die Welt des Schmerzes. Und ist deshalb an diesem Montag gemeinsam mit dem Regisseur Jeff Tremaine nach Berlin gekommen, um im Cinestar am Potsdamer Platz die Deutschlandpremiere seines neuesten Masochistenspaßes, aber auch den zehnten Geburtstag der gleichnamigen MTV-Serie zu feiern, die ihn, Knoxville, berühmt gemacht hat.

Denn seit zehn Jahren dreht er seinen Körper durch den Fleischwolf, als Hobby-Stuntman, der auszog, um das Fürchten zu lernen, aber noch immer erst mit der Wimper zuckt, wenn ihm ein Vorschlaghammer in den Unterleib kracht.
Jackass, das bedeutet so viel wie Volltrottel, aber auch Hansarsch. Und zu Beginn seiner Karriere, im Jahr 2000, war Johnny Knoxville auf dem Musiksender MTV tatsächlich der Hansarsch in allen Gassen. Gemeinsam mit einem halben Dutzend Überzeugungsmasochisten hatte er damals eine Show ins Fernsehen gebracht, in der erwachsene Männer das Kind in sich von der Leine ließen, das jeden Warnhinweis nur als zusätzliche Motivation sieht.

Seine mittlerweile legendäre StandardBegrüßung „I am Johnny Knoxville, welcome to Jackass!”, wurde Slogan einer Generation, die das letzte Extrem in der Selbstdestruktion gefunden hatte. Jackass sollte nie subversiv sein, keine Kritik an einer immer weniger empfindsamen Gesellschaft. Hier hatten sich einfach ein paar mental nicht ganz gesunde Jungs gefunden, die wenig Hemmungen, viel Langeweile, Skateboards, allerlei Werkzeuge und genug kranke Ideen hatten, um daraus eine Form der Unterhaltung zu kreieren, die an Sinnlosigkeit kaum zu überbieten war und so doch wieder zum Spiegel der Tausenderjahre wurde.

Nicht zufällig lief Jackass ausgerechnet auf MTV, einem Musiksender, der irgendwann einfach aufhörte, Musik zu senden und stattdessen Cartoons zeigte oder Reality-Soaps und eben Johnny Knoxville, der beides miteinander verbinden konnte. Es war ein Blick in die suburbane Ziellosigkeit der USA und die überzeichnete Gegenwelt der Zeichentrickserien eines Tex Avery.

Knoxville und seine Borderline-Entourage übertrugen das Absurde der frühen Looney Toons, die Zerstörungsfantasien des Kojoten auf Roadrunner-Jagd, in ihre Realität – mit menschlichen Katapulten oder Raketenversuchen mit Einkaufswagen. Dabei bedienten sie sich jener simpelsten Dramaturgie, die schon bei Tom & Jerry oder Bugs Bunny funktioniert hatte. Der Zuschauer konnte, bequem vor dem Fernseher oder eben im Kinosessel, zusehen, wie einem Trottel ein Amboss auf den Kopf fällt. Das ist nicht anspruchsvoll und selten originell, aber es kitzelt den Beobachter an einer ganz bestimmten Stelle.

Jackass war die Freakshow auf dem Jahrmarkt der popkulturellen Eitelkeiten, mit einem Liliputaner, der sich selbst ins Gesicht treten konnte, und entwickelte seine Kraft durch die Mischung aus Ekel und Schadenfreude. Dieses Konzept funktioniert zehn Jahre später noch immer. Und weil Jackass vom Wiedererkennungswert lebt, von einer schmerzvollen Wiederholung des Immergleichen, hat Johnny Knoxville zum großen Geburtstag mit Kopfschlagen und Human-Tontaubenschießen noch einmal alle Artisten seines Zirkus’ der Absonderlichkeiten aus dem Unterbewusstsein der Unterhaltungsindustrie auf die Leinwand gezerrt: Neben Steve-O und Chris Pontius auch Bam Magera und den Liliputaner Wee Man, der sich noch immer selbst ins Gesicht treten kann. Es ist ein Jubiläumstreffen der Klassenclowns, die durch ihren Hang zu abnormen Mutproben reich geworden sind.

Doch es sind nicht nur die Verstümmelungsorgien, mit denen sich Knoxville und seine Jünger über die Jahre als Bestandteil der Popkultur etabliert haben. Nicht selten gaben sie den Bürgerschreck, liefen mit überlebensgroßen Erektionen durch die Fußgängerzone oder aßen Schokoeis aus einer Windel, die sie im Müll vor einer Investmentbank drapiert hatten. Knoxville ist, trotz einiger Versuche, als Schauspieler Fuß zu fassen, ein hyperaktiver Performancekünstler geblieben, der seinen eigenen Wahnsinn als Projektionsfläche für die Gewaltfantasien des Normalverbrauchers zu nutzen versteht. In Berlin bot ihm der rote Teppich deshalb auch die perfekte Bühne für die nächste Einlage. Im Vorfeld hatte er bereits einen Stunt angekündigt. Ruhig sitzen sollen andere.

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