Joop : Stützstrumpf ist Trumpf

Warum sich Designer Wolfgang Joop an ein unerotisches Textilstück gewagt hat. Den Stützstrumpf aus dem Schatten ziehen, herein ins grelle Licht des hippen Ausstellungsraumes, das will der Designer schaffen.

Elena Senft
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Bein gehabt. Der Designer mit seiner neuen Kreation: dem Stützstrumpf. Foto: DavidsDAVIDS/Darmer

Strümpfe folgen in modischer Hinsicht einer streng hierarchischen Anordnung. Ganz oben steht vielleicht der halterlose, seidene Damenstrumpf, irgendwo ziemlich weit unten rangiert die ausgebeulte Tennissocke. Ganz unten aber, als Socken-Omega-Tier, steht der Stützstrumpf. Der pflasterfarbene, blickdichte Anti-Thrombose-Schlauch. Zumindest tat er das bisher. Aber damit soll jetzt Schluss sein und daher hat Designer Wolfgang Joop gemeinsam mit der Bayreuther Traditionsfirma medi eine Stützstrumpfkollektion namens mJ-1 herausgebracht, die er am Dienstag in der „Berliner Freiheit“ am Potsdamer Platz vorstellte. Im Eingangsbereich der edlen Location wartet Joop, gerade selbst von einer langwierigen Krampfadergeschichte genesen, ein Erlebnis, das ihn nachhaltig vom Kompressionsstrumpf begeisterte und überzeugte. So sehr, dass er sofort reagierte, als von der Firma die schüchterne Anfrage einer Kooperation kam.

Im grauen Tweedanzug steht Joop pünktlich zum Einlass bereit, um sein völlig ungeschwollenes, munteres, kompressionsbestrumpftes Bein zu zeigen. Wer will, darf auch die Narbe seiner Krampfader-OP sehen. Die wahrscheinlich gänzlich stützstrumpflose Prominenz, unter anderem Moderatorin Mirjam Weichselbraun, Model Franziska Knuppe und Schauspieler Florian David Fitz nicken anerkennend, drehen dann aber mit einem Schälchen Wildblütensalat an Wachtelbrust und Anisvinaigrette ab. Wer will sich schon allzu interessiert an Stützstrümpfen zeigen?

Genau darum geht es Joop: den Stützstrumpf aus dem Schatten ziehen, herein ins grelle Licht des hippen Ausstellungsraumes, in dem zahlreiche Ausstellungsstücke, in dezenten Farben wie Anthrazit, Aubergine und Schwarz, sich eng und elegant an schlanke Schaufensterpuppenbeine anlegen. Nicht mehr verleugnen, dass man älter wird und Venenprobleme nicht nur vom Hörensagen kennt, „raus aus der jugendlichen Konformität, in der wir unsere Defizite verstecken müssen!“ Denn ins Licht gehört der vermeintliche Oma-Strumpf! Und auch an den jungen Körper, denn „dieser Strumpf stützt nicht nur das Bein, sondern das ganze Gemüt. Sie fühlen sich toll!“

Gerade konnte Joop den Härtetest selbst auf der Buchmesse erleben, wo er für seine Biografie warb und er die Tage dank Strumpf stehend und in bester Form und Leichtigkeit verbrachte, und das, obwohl sich an seinem Stand immer 400 Leute tummelten. Ebenso euphorisch klingt Michael Weihermüller, Chef der Firma medi, der sich heute für ein schwarzes Modell der Linie mJ-1 entschieden hat. Er spricht von Blutzirkulation, Muskelstabilisierung und Komfortklima, von „neuer Leichtigkeit“ und „mehr Energie und Ausdauer“. Joop und Weihermüller stellen sich gemeinsam für ein Foto neben ein Strumpfmodell. Der medi-Chef etwas schüchtern im schwarzen Anzug, die Arme vor dem Körper verschränkt, Joop posierend mit Fotogesicht, lässig mit einem Arm auf den Bayreuther gestützt. „Nehmen Sie sich ein Paar Strümpfe mit! Dann geht es Ihnen morgen genauso gut wie uns!“, ruft Joop.

Von allen Seiten knipst es, Joop zeigt noch einmal sein Bein. Ein wirklich schönes Männerbein, das muss man ihm lassen. Am Ende ist der Stand für die kostenlosen Probeexemplare leer.

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