Jugendhilfeeinrichtung Luisenstift : Zusammen sind sie nicht allein

Seit 200 Jahren werden Kinder und Jugendliche im Luisenstift betreut. Am Sonntag wird in der Dahlemer Königin-Luise-Straße Jubiläum gefeiert.

Christian van Lessen

Berlin - Jacqueline und Christina stehen nachmittags in der geräumigen Küche und diskutieren, was gekocht werden soll. Wer einkaufen geht, wie das Geld einzuteilen ist. Die 16-Jährigen freuen sich, dass sie selbst entscheiden können, was zu tun ist. Dass sie eigene Kühlschränke haben, vor allem eigene Zimmer mit Bad – das alles in einem schönen, hellen Haus an der Königin-Luise-Straße in Dahlem. Es geht ungezwungen zu, auch wenn der Name des Hauses etwas streng klingt: Luisenstift. Es ist Berlins älteste Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung und besteht seit 200 Jahren.

So streng wie vor zehn Jahren sind die Sitten nicht mehr, als Mädchen gar keinen Zutritt zum Luisenstift hatten. Das war das Haus noch ein Jungenheim, fast schon erstarrt in Tradition, die Erzieher schienen mit einem Durchschnittsalter von 54 Jahren nach Ansicht der heutigen Geschäftsführerin Dörte Ahrens auch schon ein wenig alt für Jugendliche. Dann gab es eine Verjüngung, und Mädchen sind eben auch dazugekommen. Das bringt „mehr Zündstoff, mehr Reibung“, fördere aber letztlich das Zusammenleben. Rund 40 Kinder- und Jugendliche werden hier betreut, weil sie vorübergehend nicht in ihrer eigenen Familie leben können, wo es Probleme gibt, schwierige Verhältnisse – oder weil es sich um traumatisierte Flüchtlingskinder handelt, die allein nach Berlin gekommen sind, wie jeder Fünfte hier. Die Trennung von der Familie– das ist allen gemeinsam.

Im Luisenstift erwartet sie kein preußischer Drill – zwar eine gewisse Strenge, aber vor allem Wertschätzung. Die Kinder und Jugendlichen sollen auf die Rückkehr zur Familie vorbereitet werden, das ist durchschnittlich nach eineinhalb Jahren der Fall, kann aber auch bis zu fünf Jahre dauern. Die Betreuung richtet sich nach dem Bedarf des Kindes, es gibt auch Wohngemeinschafen und betreutes Einzelwohnen für Jugendliche ab 15 Jahren außerhalb des Hauses. Sport- und Freizeitangebote, natürlich die Schulaufgaben-Betreuung gehören dazu. Familienähnlich soll es zugehen, so normal wie möglich. Dass das Luisenstift ein verhältnismäßig kleines Haus ist, gilt auch als seine Stärke.

Das Luisenstift, die evangelische Kinder- und Jugendhilfe, ist dem Diakonischen Werk angeschlossen. Evangelische Rituale sind aber selten geworden, das Haus habe eine offene, wertschätzende Haltung zu allen Religonen, sagt Dörte Ahrens. Finanziell beteiligen sich die Bezirke, vor allem Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf.

Wenn am 9. September das 200-jährige Bestehen gefeiert wird, steht das Fest unter der Schirmherrschaft von Prinz Georg Friedrich von Preußen. Seine Urahnin Königin Luise von Preußen hatte 1807 im verelendeten Berlin 100 Taler für 60 arme Knaben bewilligt und damit den Grundstein für das Luisenstift gelegt. Nach den Anfängen in der Berlinischen Probstei auf dem Nicolai-Kirchhof zog es über Mitte, Kreuzberg, Lichterfelde 1932 auf das heutige Grundstück, das Gebäude wurde 1945 zerstört. Nach einem Zwischenquartier in Lichterfelde nahm es 1959 wieder in Dahlem seinen Sitz, wo ein Neubau für 52 Jungen entstanden war. Über Jahrzehnte wurde das Heim durch regelmäßige Spenden eines früheren Zöglings unterstützt, der in den USA lebte. Nun aber ist er verstorben; die Erben geben zum Kummer des Stifts nichts mehr.

Das Luisenstift hofft, dass viele Ehemalige kommen, wenn am kommenden Sonntag ab 15 Uhr an der Königin-Luise- Straße 95 gefeiert wird. Mit einem großen Straßen- und Familienfest und im Festzelt, wo die Kinder und Jugendlichen Theaterszenen aus den vergangenen 200 Jahren spielen. Christian van Lessen

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