Kabarett : Fraß ein grünes Krokodil

Die Berliner Sängerin Evelin Förster entdeckt Kabarettistinnen der zwanziger Jahre wieder.

Dorothee Nolte
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Kess. Evelin Förster tritt mit fast vergessenen Chansons auf. -Foto: Promo

Namen wie Friedrich Hollaender, Kurt Tucholsky – die kennt fast jeder. Aber wer kennt Eddy Beuth, Ruth Feiner, Marie Madeleine oder Emmy Hennings? Und wer weiß überhaupt, dass die witzigen Texte und schmissigen Melodien, die die zwanziger Jahre zum Schwingen brachten, auch aus der Feder weiblicher Komponistinnen und Autorinnen stammten? Zum Beispiel das herrliche Chanson „Pietät“ mit Zeilen wie „Es fraß ein grünes Krokodil den Forscher, der ins Wasser fiel“ – das stammt von Hedy Knorr. Hedy wer?

Die Berliner Chansonsängerin Evelin Förster hat in jahrelanger Arbeit viele Frauen aufgespürt, die zwischen 1901 – der Geburtsstunde des deutschen Chansons – und 1935 im Kabarett, im Film und in der Unterhaltung ihr Leben verdienten, wohlgemerkt nicht (nur) als Darstellerinnen und Sängerinnen, sondern als kreative Köpfe. Einige Namen fand sie auf Notenblättern, die ihr auf Flohmärkten in die Hand fielen, andere in der Musikabteilung der Staatsbibliothek, wieder andere musste sie erst entschlüsseln – wer ahnt schon, dass sich hinter „Henry Love“ in Wahrheit die Komponistin und Konzertpianistin Hilde Löwe verbarg? „Ich war erstaunt, wie viele Frauen damals als Autorinnen und Komponistinnen gearbeitet haben“, erzählt die rotgelockte Künstlerin, die selbst den Zwanzigern entsprungen zu sein scheint. 120 Namen hat sie innerhalb eines Jahres gefunden und sich dann auf 15 Frauen beschränkt, deren Werke sie zusammengesucht und deren Lebensläufe sie so weit wie möglich rekonstruiert hat.

Ihre Funde hat Evelin Förster in einer unterhaltsamen Chanson-Text-Collage zusammengestellt, die soeben als Hörbuch unter dem Titel „Die Frau im Dunkeln“ erschienen ist (Edition Berliner Musenkinder, duo-phon records). Unter den Autorinnen und Komponistinnen sind ganz unbekannte Frauen wie Elsa Laura von Wolzogen oder auch Eddy Beuth, deren Operette „Die Frau im Dunkeln“ (1920) den Titel des Projekts inspirierte. Aber einige Namen haben auch heute noch Klang: Claire Waldoff etwa (die nicht nur sang, sondern auch textete), die Dichterin Mascha Kaléko oder Erika Mann.

Da Evelin Förster selbst am liebsten spritzige Chansons aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts singt, stellt sie ihr Hörbuch am Donnerstag natürlich singend vor – im charmant geschichtsträchtigen Hotel Bogotà, wo Helmut Newton einst bei der Fotografin Yva in die Lehre ging. Wenn Evelin Förster dort singt und von ihren Forschungen erzählt, dann werden sie noch einmal lebendig, die Dichterinnen und Musikerinnen, die so lange im Dunkeln waren. Dorothee Nolte

„Die Frau im Dunkeln“, Gesang und Lesung mit Evelin Förster und Matthias Binner (Piano), Hotel Bogotá, Schlüterstraße 45, Charlottenburg, 4. Juni, 19.30 Uhr, 15 Euro inkl. Getränke. Anmeldung unter Tel. 261 26 62 oder an evelin.foerster@web.de

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