Kabarettist Kay Ray : ''In Berlin wird keine Travestietante ausgelacht''

Der Hamburger Travestiekünstler und Kabarettist Kay Ray tritt ab heute im BKA-Theater auf.

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Foto: Promo/Andreas Elsner

Das Schlimmste, was man Kay Ray antun kann, ist, ihm zu sagen, dass er still sitzen soll. Bei einer Probe für seine neue Show „Homo Sapiens“, die ab Mittwoch im BKA-Theater zu sehen ist, wurde der Hamburger Kabarettist und Travestiekünstler von seinem Regisseur sogar mal mit einem Gürtel an einem Stuhl festgebunden.

„Normalerweise hüpfe ich sehr viel auf der Bühne umher und folge meinen Gästen als Running Gag auch gern mal aufs Klo“, sagt Kay Ray lachend. Doch da er in der neuen Show viele ruhige Lieder – unter anderem den Song „Tolerant“ von Robert Long – singen werde, müsse er sich eben entsprechend benehmen, so der 44-Jährige. Das dürfte dem Prix-Pantheon-Preisträger zurzeit sowieso nicht allzu schwer fallen: Sein rechter Fuß steckt in Gips, nachdem er sich bei einem Auftritt auf Rollschuhen einen komplizierten Bruch zugezogen hat. Trotz seiner eingeschränkten Bewegungsfreiheit will sich der Kabarettist mit dem Hang zum Paradiesvogel-Outfit auf den Spuren vieler Lieder von Long, Ina Deter, Nina Hagen und Milva und persönlichen Anekdoten in „Homo Sapiens“ auf seine „Lebensreise“ begeben.

Die beginnt 1965 in einem Reihenhaus in Georgsmarienhütte bei Osnabrück. „Ich war ein dünner, blasser Junge, der von seinem Vater zum Arzt und zur Kur geschickt wurde, weil er so anders war als seine Brüder“, sagt Kay Ray. Seine Eltern hätten sich damals oft verständnislos gefragt „Was will dieses Kind eigentlich?“ Als Kay Ray etwa 16 Jahre alt ist, weiß er das bereits genau. Er will nach seiner Friseurausbildung Travestiekünstler werden wie Mary und Gordy. Videoaufzeichnungen von deren Auftritten sieht Kay Ray erstmals in der schwul-lesbischen Osnabrücker Kneipeninstitution „Bei Theo“. „Das war meine Initialzündung, denn genau das wollte ich – singen, mich verkleiden und Witze erzählen.“ Über die Verletzungen und Enttäuschungen, die aus dem Unverständnis seiner Familie, Lehrer und Mitschüler für sein vermeintliches Anderssein resultieren, hilft dem Jugendlichen vor allem eins hinweg: Die Songs des niederländischen, im Dezember 2006 verstorbenen Liedermachers Robert Long. Dessen empfindsame Ironie und sein Vorbild, offen zu seiner Homosexualität zu stehen, begleiten Kay Ray durch die Wirren des eigenen Coming-Out. „Höchstens Burt Reynolds auf dem Bärenfell konnte mit Robert damals konkurrieren“, erinnert sich der Künstler heute und lässt sein typisches raues Lachen hören.

In den Neunzigern beginnt Kay Ray, im Hamburger Pulverfass Cabaret aufzutreten, doch bald wird ihm die Travestiewelt zu eng. Als Kabarettist möchte er sein Publikum auf möglichst viele Arten unterhalten und aus der Reserve locken. Seine Programme durchzieht ein spitzer, satirischer Witz, der von Improvisationen im spontanen Zusammenspiel mit den Zuschauern lebt. Fast unmerklich lotet er bei seinen scheinbar überdrehten Aktionen die Grenzen dafür aus, was an Überspitzungen möglich ist, um Glaubenssätze ins Wanken zu bringen. „Deshalb spiele ich so gern mit Klischees. Damit hole ich die Zuschauer ab, und wenn ich die Klischees breche, sind wir danach hoffentlich alle ein kleines Stück freier im Kopf. Und hatten auch noch Spaß dabei“, sagt Kay Ray. Den holt sich der Kabarettist hier in Berlin gern selbst in kleinen Off-Bühnen wie dem Neuköllner Theater im Keller. „Das Schöne an Berlin ist, dass hier selbst die schlimmste Travestietante nie ausgelacht wird“, sagt Kay Ray. Denn humorvolles Lachen ginge schließlich fast immer, hämisches Auslachen hingegen nie. Eva Kalwa

BKA, Mehringdamm 34, 17., 19. und 20. März, 20 Uhr, Tickets 14–24 Euro

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