KaDeWe : Zukunft im Angebot

Ohne einen Besuch im größten Kaufhaus des Kontinents ist kein Berlin-Aufenthalt komplett In 100 Jahren ist das Haus zum Inbegriff luxuriösen Shoppens geworden – wie es weitergeht, ist unklar.

Sandra Dassler,Susanne Vieth-Entus
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Das KaDeWe zu betreten, ohne gleich nach den ersten Metern stundenlang zu verharren, ist ein Kunststück: Wer von der Tauentzienstraße aus das Kaufhaus betritt, wird gleich links vom Eingang durch die Juwelen von Bulgari, Tiffany und Chopard in Beschlag genommen, rechter Hand warten Gucci, Dior und Chanel, daneben lockt Tag Heuer mit einer Uhr für 5300 Euro, und geradeaus geht es durch ein Pralinenparadies („Chocolat au lait au hot masala“) direkt in die Duftwolken der Parfumabteilung.

Es ist schwer, dem KaDeWe zu widerstehen. Hunderttausende Berliner führen hier Jahr für Jahr Verwandte und Freunde aus Wiesbaden, Wien oder Washington her, andere Touristen werden von Reiseführern auf die Spur gesetzt, um in der Delikatessenabteilung frischen Fisch oder ein Glas Veuve Cliquot zu genießen. So wie die vier Schwestern Kohlmann aus dem holländischen Arnheim, die zusammen 307 Jahre alt sind und es sich dennoch am gestrigen Sonnabend nicht nehmen ließen, die Feinschmeckeretage auszuprobieren.

Es gibt viele Gründe, ins KaDeWe zu kommen. Für den 46-jährigen Reiner Kirsch etwa, der aus Bonn stammt und im Jemen arbeitet, ist die Whiskeysorte Single Highland Malt einer der Gründe, sich von der Passauer Straße aus in das Getümmel im Kaufhaus der Superlative zu werfen. 60 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 380 000 verschiedene Artikel, die größte Feinkostabteilung Europas, rund 50 000 Kunden täglich und ein Name, der in einer Reihe mit Harrod’s in London und Lafayette in Paris genannt wird: das KaDeWe ist viel mehr als ein großes altes Warenhaus. Ein Besuch in Berlin ohne Einkauf im KaDeWe hat nicht stattgefunden.

Und auch wenn der Name „Kaufhaus des Westens“ lange vor der Teilung Deutschlands entstand, schien er doch wie für sie gemacht: Einmal im KaDeWe einkaufen zu können, davon träumte auch der von seinem Konsum nicht gerade verwöhnte DDR-Bürger.

Dabei hatten die Berliner für das 1907 von Adolf Jahndorf gegründete Haus zuerst nur Spott übrig und aufgrund seiner Lage in der damals noch völlig unbelebten Tauentzienstraße auch gleich einen Spitznamen: Nicht „KaDeWe“, sondern „JotWeDe“ – „Janz weit draußen“ also. Das ist bekanntlich Geschichte. Auf die man während der Feiern zum 100-jährigen Firmenjubiläum im Jahr 2007 mit viel Stolz zurückblickte. Schließlich hat das Haus zwei Kriege, Inflation, Wiederaufbau und Wiedervereinigung überstanden – und sogar die fast vollständige Zerstörung, als 1943 ein amerikanisches Flugzeug in den Lichthof stürzte. Schon 1950 waren zwei Etagen wieder aufgebaut, und 1978 betrug die Verkaufsfläche bereits wieder 44 000 Quadratmeter.

Auch diverse Verkäufe haben dem KaDeWe nichts anhaben können: 1927, als Marlene Dietrich zu den Stammkunden gehörte, wurde es in den Hertie-Konzern eingegliedert. Kurz nach Hitlers Machtergreifung 1933 erzwang eine Bankengruppe den Verkauf des KaDeWe durch die jüdische Familie Tietz und die Einsetzung eines „arischen“ Geschäftsführers. Die Wortmarke Hertie aus den Anfangsbuchstaben des Namensgebers Hermann Tietz wurde beibehalten. Seit 1994 gehört das KaDeWe durch die Hertie-Übernahme der Karstadt AG an, seit 1999 der Arcandor AG. Im Januar 2009 löste Ursula Vierkötter als Geschäftsführerin ihren Vorgänger Patrice Wagner ab. Dieser hatte seit 2002 das KaDeWe erfolgreich modernisiert. So steigerte der Einstieg in das Luxussegment den Umsatz deutlich. Mit seinem Abgang, der offiziell damit begründet wurde, dass sich Wagner einer verordneten Gehaltskürzung widersetzte, gingen schon Gerüchte um die Zukunft des KaDeWe einher.

Dass am heutigen Sonntag über den Verkauf des Hauses entschieden werden soll – davon hatte keiner der befragten Verkäufer am Sonnabend gehört. Alle waren auch viel zu beschäftigt, denn 50 000 Kunden haben eine Menge Fragen, und nicht alle sind so genügsam wie Ursula Grimm: Die Braunschweigerin war gestern nur für einen Tag nach Berlin gekommen und ging ins KaDeWe, um zwischen Armani-Schühchen und Esprit-Jäckchen für ihre Enkelkinder etwas zum Anziehen zu suchen. Warum sie immer wieder herkommt? „Es ist das Flair“, sagt sie, ohne lange nachzudenken.

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