Kardinal Sterzinsky wird 75 : Berliner Bischof am Kreuzweg

Seit über 20 Jahren ist Kardinal Sterzinsky Bischof von Berlin. Heute wird er 75 – und muss seinen Geburtstag im Krankenhaus verbringen. Sterzinsky ist schwer krank, sein Rücktrittsgesuch blieb dennoch unbeantwortet

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Kardinal Sterzinsky, Oberhirte der Berliner Katholiken, muss seinen 75. Geburtstag im Krankenhaus verbringen.
Kardinal Sterzinsky, Oberhirte der Berliner Katholiken, muss seinen 75. Geburtstag im Krankenhaus verbringen.Foto: EPD

Es sollte ein großer Freudentag werden. Berlins Erzbischof, Georg Kardinal Sterzinsky, hat die Monate und die Tage gezählt bis zu seinem 75. Geburtstag. Der 9. Februar 2011 sollte den Beginn eines neuen Lebensabschnittes markieren, einen ohne die Last des Amtes. Nun wird er den Geburtstag im Krankenhaus verbringen. Der Kardinal ist schwer krank und musste kürzlich zwei Mal operiert werden. Am Dienstag hieß es im Ordinariat, sein Zustand habe sich nicht gebessert.

Wie es für einen Kardinal üblich ist, hatte Georg Sterzinsky einige Wochen vor seinem 75. Geburtstag nach Rom geschrieben und sein Amt zur Verfügung gestellt. Viele andere Bischöfe tun dies pro forma, und der Papst nimmt das Angebot nicht an, denn 75 Jahre sind für katholische Würdenträger kein Alter, in dem an Ruhe zu denken wäre. Aber der Berliner Erzbischof meinte es ernst. Statt einer Antwort auf sein Schreiben erhielt Berlin die Nachricht, dass im September der Papst kommt. Sterzinskys Freude soll sich im Rahmen gehalten haben, denn er ahnte, dass es vor Oktober mit dem Ruhestand nichts wird. Im Augenblick weiß keiner, ob der Kardinal, wenn er denn das Krankenhaus noch einmal verlassen kann, überhaupt die Amtsgeschäfte wird weiterführen können. Die Berliner mögen für ihn beten, wünschte sich Generalvikar Ronald Rother am Dienstag.

Georg Sterzinsky ist keiner, der jammert. „Gott ist immer größer“, heißt sein Bischofsmotto. Was Gott ihm auferlegt, wird er ihm auch tragen helfen, davon ist er fest überzeugt. Er habe nie ein hohes Amt angestrebt, hat er einmal gesagt. Demutsbekundungen gehören bei Kirchenmännern zum täglichen Geschäft. Sterzinsky nimmt man ab, dass er lieber Pfarrer geblieben wäre. Er ist ein bescheidener Mann, was nicht nur seine aus der Zeit gefallene Brille signalisiert. Er macht nicht gerne Aufhebens um sich. Menschen mit selbstverständlichem, bodenständigem Glauben haben ihn geprägt: der Vater, die frommen Geschichten, die seine Großmutter erzählte, der Jesuitenpater, bei dem er Messdiener war. Und der den Jungen mochte, auch, wenn er mal wieder ausrastete. Für solche bodenständigen Menschen wollte er da sein, als er 1960 in Erfurt zum Priester geweiht wurde. Er ging zunächst als Kaplan ins thüringische Eisenach, dann leitete er als Pfarrer in Jena eine der größten Gemeinden in der DDR. 1981 wollte ihn der Erfurter Bischof zum Verwaltungschef in seinem Bistum machen. Sterzinsky zögerte, sagte dann aber doch zu. Wenige Monate vor dem Mauerfall wurde er Berliner Bischof.

Mit der Großstadt fremdelte er von Anfang an. Als sich Berlin herausputzte, polterte Sterzinsky gegen die „Konsumtempel“ am Potsdamer Platz und legte sich mit den Bauherren an, weil sie Obdachlose und Bettler vertreiben wollten. Um am politischen Rad mitzudrehen, fehlt es ihm an diplomatischem Geschick. Wenn er allerdings das Gefühl hat, es geht auf Kosten der Benachteiligten, scheut er sich nicht, sich mit dem politischen Establishment anzulegen. Dann kommt ihm zuweilen sein Jähzorn gerade recht. Den Unionsparteien wollte er das „C“ absprechen und nannte ihre Ausländerpolitik „eine Schande“. Gemeinden, die Flüchtlingen „Kirchenasyl“ boten, unterstützte er. Als erster deutscher Bischof prangerte Sterzinsky das Problem der sogenannten illegalen Zuwanderer an und forderte von der Politik Antworten. Dass ihm Flüchtlingsschicksale so sehr ans Herz gehen, mag damit zu tun haben, dass er selbst Flüchtling ist. Er stammt aus Warlack in Ostpreußen. Als er drei Jahre alt war, begann der Zweite Weltkrieg. Die Eltern verschlug es mit ihren sechs Kindern nach Thüringen. Seine Mutter starb, als er elf war. Er habe keine leichte Kindheit gehabt, sagte er einmal.

Er leide unter Auseinandersetzungen, gestand er Schülern. Streit, sagte er, widerspreche seiner „Charakteranlage“. Dies führte dazu, dass er Bittstellern schwer etwas abschlagen konnte und die Doppelstrukturen aus West- und Ost-Bistum beibehielt. Auf Dauer war dies nicht zu finanzieren. Mit Sterzinskys Wissen wurden die Rücklagen aufgelöst und dann Millionenkredite aufgenommen. Bis Anfang 2003 hatte das Berliner Erzbistum 148 Millionen Euro Schulden angehäuft. Hunderte Mitarbeiter mussten entlassen, Gemeinden zusammengelegt, Kirchen verkauft werden. Wo er auch hinkam, musste sich Sterzinsky Wut und bittere Vorwürfe anhören. Die Aufräumarbeiten dauern bis heute an. Die Wut ist verflogen, doch gut ist die Stimmung im Bistum noch immer nicht. Nun eint alle die Sorge um die Gesundheit des obersten Seelsorgers. Zum Feiern ist heute keinem zumute.

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