Karneval : Narren an die Macht

Revolution mit Narhallamarsch: Karnevalisten stürmten gestern um 11.11 Uhr das Rote Rathaus

Lothar Heinke

Ist es schon so weit? Revolution? Aufruhr? Auf den Treppenstufen zur Macht im Roten Rathaus haben sich aufrechte Berliner Bürger versammelt, um von der Bürgermeisterin Ingeborg Junge-Reyer den Rathausschlüssel und, viel schlimmer, die Stadtkasse zu fordern. Die Senatorin macht, was sie meistens tut, sie lächelt. Das wirkt: Das aufgebrachte Volk, das unter Narrenkappen gekrochen ist und in bunten Kostümen steckt, fängt an zu schunkeln. Keine Trillerpfeifen, kein Streik, nur fröhliche Gesichter. Immerzu ruft einer ganz laut „Berlin!“, und die Menge antwortet „Heijo!“. Dann skandiert der Nächste: Karneval an der Spree!!! Das Echo: Olé-olé-olé. Kommt einem schon ziemlich spanisch vor.

Als die Gesandten von 24 Karnevalsvereinen ehrfürchtig eine Gasse bilden und der Narhallamarsch erklingt, schreiten die Chefs herbei: Prinz Reinhard I. und Angela II., in königlich-rot-weißes Tuch gehüllt. Nicht einmal diese Autorität blauen Blutes kann die Senatorin bewegen, die Kasse ’rauszurücken – erst als eine Parade Bützchen spendender Mannsbilder mit der Küsserei Ernst macht, dass es bis zum Neptunbrunnen schmatzt, lässt sich die Stadtentwicklerin in die Kasse gucken: „Wir sind fast pleite“, sagt sie und gibt den Weg frei. Die Narren sind los, der Wappensaal gehört ihnen.

Der Oberindianer der Jecken heißt Reinhard Muß, 64 Jahre, Industriemeister. Seit 1981 ist er Präsident des Berliner Carneval-Vereins, „und da ist es schon ein Höhepunkt im Leben, wenn man einmal als Berliner Stadtprinz ganz oben steht“. Die Rituale der fünften Jahreszeit sind ihm bestens vertraut, die Prinzenrolle spielt er mit einer gewissen Nonchalance, wohl wissend, was dieser Job bedeutet: Stress ohne Ende, zwischen 300 und 400 Auftritte an der Seite seiner 36 Jahre jüngeren Prinzessin Angela II, die sich normalerweise im Unfallkrankenhaus Marzahn zwischen 8 und 16 Uhr um die Aufnahme der Patienten kümmert. Angela Dietz’ Tochter tanzt schon in der Jugendgarde, der Karnevalsvirus rumort also heftig – wie bei allen hier im Saal, die, von ihrer Mission erfüllt, den Berliner Fasching tief verinnerlicht haben, als fröhlichstes Hobby ihres Lebens. Am 22. 2. 2009, dem Karnevalssonntag, wollen sie das „mindestens einer Million“ Menschen beim Umzug über den Ku’damm zeigen, und wenn die Leute ratlos am Straßenrand stehen, sind sie selber schuld: „Wir haben jedenfalls Spaß, und der soll alle anderen anstecken“, sagt der Hofmarschall Thomas Richter. Die Senatorin sieht inzwischen aus wie eine Verdiente Aktivistin, sie hat viele Karnevalsorden bekommen, von den Tempelhofern einen mit Rosinenbomber: „So hängt Ihnen der Flughafen ewig am Hals“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar