Karneval : Statt Kamelle eine Träne verdrücken

Politik kann auch lustig sein, und deshalb gibt es auf den Fluren des Familienministeriums angeblich keinen Rosenmontags-Blues. Doch in den Ministerien litten gestern viele an Heimweh.

Thomas Loy

 „Wir gönnen das den Rheinländern“, sagt Saarländer Jens Flosdorff, der wie jeden Tag seinen Pflichten als Pressesprecher nachkommt. Zwei Drittel der Ministeriumsbelegschaft – mit Dienstsitz Bonn – lassen sich unterdessen mit Kamelle bewerfen oder lümmeln bei vollen Bezügen auf der heimischen Couch.

In Sachen Karneval will die Republik einfach nicht zusammenwachsen. Zehn Jahre nach dem Regierungsumzug gilt für die zurückgebliebenen Bonner immer noch der Kollektivdispens am Rosenmontag. Das nennt sich dann „Dienstbefreiung“. In Berlin wird dagegen gearbeitet, auch wenn nicht viel zu tun ist. „Keine Sitzungswoche“, lautet die informelle Ansage. Viele Politiker nehmen Urlaub. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die Frohsinn-Beauftragte der Bundesregierung ist ebenfalls ausspannen. „Aber nicht in Köln“, sagt ihr Sprecher, Klaus Vater, auch er ein Kölner Jung.

Klaus Vater hat sich aber mit den Jahren eine kritische Distanz zum närrischen Treiben erarbeitet. Der Rosenmontagsumzug sei doch „ein Stück weit industrielle Produktion“. Vater war am Wochenende im Rheinland, mit Freunden unterwegs. Den Umzug in Bad Godesberg hat er gesehen. Und dann war ja noch die Weiberfastnacht der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin, ein echter Partyknaller mit 800 Gästen.

Auf ihrer Internetseite heißt die Landesvertretung jetzt „Botschaft des rheinischen Frohsinns“. Da ist am Rosenmontag sicher die Hölle los, aber bei Doris Gau, der Veranstaltungschefin, hört man kein Gejohle durchs Telefon. Sie arbeite gerade „gewissenhaft“ an den Vorbereitungen des Berlinale-Empfangs, müsse dabei aber schon mal eine Träne verdrücken, weil sie eben auch aus Köln ist. Es gelte das „Sitzlandprinzip“ – und Sitzland ist nun mal Berlin. Es kämen aber deutlich weniger Anrufe aus dem Rheinland, so kann Frau Gau endlich mal in Ruhe arbeiten – und nebenbei im Internet die Übertragung vom Kölner Umzug gucken.

Auch die Bundestagsverwaltung hat nach einer Personalratssause zur Weiberfastnacht keine weiteren Zugeständnisse an rheinische Gebräuche gemacht. „Es wird ganz normal gearbeitet“, sagt Birgit Landskron. Im Bundesverteidigungsministerium sind die meisten Beamten – weil in Bonn ansässig – außer Dienst. Es gebe aber eine Notbesetzung, beruhigt ein Sprecher. Thomas Loy

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben