Katrin Sass : Das Herz auf der Zunge

''Mir geht’s jetzt dreimal besser als vorher'', sagt Katrin Sass 20 Jahre nach dem Mauerfall. In ihrem Liederprogramm „Goodbye Lenin, hallo Katrin!“ kommentiert sie das Jubiläum ganz persönlich.

G,a Bartels
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Auf gut Deutsch. Für ihr neues Programm hat Katrin Sass Lieder von Reinhard Mey, den Puhdys, Matthias Claudius, Holger Biege oder...

Wie die Frau brennt und sich aufregen kann. Wie sie gestikuliert, sich beschwörend vorbeugt, durch das Café Einstein Unter den Linden tönt, die Blicke einfängt und pariert, den Hund vom Nebentisch anschnalzt, mit der Kellnerin kalauert und die Touristen aus dem Emsland anquatscht, die ihre Tochter zum Autogramm-Holen rüberschicken – das ist schon ziemlich großes Kino.

Katrin Sass, die im Fernsehen klug, konzentriert und dabei so schön spröde und distanziert wirkt, trägt im wirklichen Leben ihr Herz auf der Zunge. Und dazu sehr feine, vom Lächeln gefältete Züge im Gesicht. „Dass diese Stasi-Ratten uns jetzt wieder einfach so in der Zeitung angrinsen“, bollert sie mit Blick auf das neue rot-rote Regierungsbündnis inklusive Stasi-belasteter Linksfraktionschefin in Brandenburg los, „da wird mir übel.“

Klare Worte singt und spricht sie auch in ihrem neuen Liederprogramm „Goodbye Lenin, hallo Katrin!“, das heute in der Bar jeder Vernunft Premiere hat. Ihr zweites nach dem noch deutlicher biografisch angehauchten, deutsch-deutschen Schlagerabend „Fahrt ins Blaue“ von 2005. Diesmal reicht der musikalische Kessel Buntes von Reinhard Meys Sehnsuchtshymne „Über den Wolken“ über „Wenn ein Mensch lebt“ von den Puhdys über Herbert Grönemeyer und Matthias Claudius bis zu Bert Brechts „Mackie Messer“. Sogar Nicoles „Ein bisschen Frieden“ sei drin, sagt Katrin Sass. „Da mach’ ich natürlich ’ne komische Nummer draus.“ Eine von mehreren in der von Piano, Percussion und Bass begleiteten, ironisch-nachdenklichen Show zu 20 Jahre Mauerfall.

„Ach, hör auf!“, ruft ein Mann in der Bar jeder Vernunft halb ernst, halb spaßig auf die Bühne. „Wie hör auf?“, poltert Katrin Sass zurück und setzt unbeirrt an, „Deine Liebe und mein Lied“ vom großartigen Holger Biege zu singen, den kein Wessi kennt. Letzten Sonnabend war das, wo Katrin Sass beim Chansonfest schon mal ein paar Lieder aus „Goodbye Lenin, hallo Katrin!“ zum Besten gab und mit zuerst noch unsicher tastender und dann immer kräftigerer Altstimme in Nullkommanichts das Publikum eroberte. Vier Lieder, ein paar kommentierende Worte und die Leute jubeln.

Und das nicht nur, weil die 1956 in Schwerin geborene Sass als Profi mit jahrzehntelanger Bühnen- und Filmerfahrung ordentlich Rampensauqualitäten hat. Sondern weil sofort klar ist, dass da eine Frau ihr Leben auf die Bühne wirft. Inklusive bissiger Kommentare zur DDR-Zeit und dem seit 20 Jahren andauernden Eingewöhnen in Gesamtdeutschland. Dabei bekommt auch der Westen mit seinem Promiwahn bei Filmpremieren und anderen seltsamen Sitten sein Fett weg.

Ihre persönliche Zwischenbilanz ist eindeutig. „Mir geht’s jetzt dreimal besser als zu DDR-Zeiten“, stellt Katrin Sass schnörkellos fest und ordert noch einen O-Saft im Einstein. Das habe sie auch als arbeitslose Ostschauspielerin vor ihrem Kinocomeback mit „Heidi M.“ (2001) und „Good Bye, Lenin“ (2003) schon so gesehen. Und dann wundert sie sich lang und laut darüber, wie die erzieherische „Rotlichtbestrahlung“ in der DDR auch bei ihr so gut funktionieren und dieser repressive Staat so lange existieren konnte. „Dass ich damals zwar aggressiv dagegen war, aber in der Wendezeit trotzdem nicht aktiv“, ärgert sie heute am meisten. Und natürlich jede Art von dumpfer Ostalgie.

Froh ist Katrin Sass dagegen, wenn sie singen kann. Und das macht sie zur Zeit nicht nur in der Bar jeder Vernunft, sondern auch bei den Dreharbeiten zum Sechsteiler „Weißensee“. In der in den Achtzigern spielenden Stasi-Geschichte von Friedemann Fromm („Die Wölfe“), die nächstes Jahr ins Fernsehen kommt, spielt sie eine Sängerin. Froh ist sie auch, wenn sie zu Hause am Müggelsee aufs Wasser blickt. Und wenn sie auf dem Weg rein nach Berlin in Treptow den ehemaligen Mauerstreifen passiert oder mit dem Auto an der East Side Gallery vorbeifährt. „Da bekomme ich immer eine Gänsehaut.“ Wirklich? „Ja, jedes Mal.“ Wie die Frau sich über die Einheit freuen kann. Wie sie den Mauerfall persönlich nimmt – das ist schon ziemlich hinreißend.

Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24, Wilmersdorf, 17. bis 25. Oktober, Karten gibt es unter Telefon 883 15 82

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