Kelterei : Voll im Saft

Die Buchholzer Kelterei ist einzigartig in Berlin. Hier wird Obst nach alter Hausmannsart gepresst.

Annette Kögel
Maiwald
Erntehelfer. Student Matthias Maiwald gibt Uni-Äpfel bei der Kelterei ab. -Foto: Heerde

Alle Wege führen nach Französisch-Buchholz. Jedenfalls für jene Berliner und Brandenburger, deren Kiepen von Herbstobst überquellen und die nicht gerade Freunde sind von Konservensaft aus dem Plastikpack. „Ich brauche aus Spandau immer eine Dreiviertelstunde hierher“, sagt Ronald Weihmann, 52. „Aber wir schaffen es nicht, alle Äpfel aus dem Garten aufzuessen, und es wäre doch schade drum“, sagt der Familienvater und kippt eine Ladung Obst in den Container. 105 Kilo sind das, macht 63 Flaschen Direktsaft, Kostenpunkt 56 Cent für die Literflasche plus 15 Cent Pfand, das hat sich herumgesprochen. 40 Sorten Säfte, Nektare, Obstweine, Sirup und Bioprodukte werden in der Buchholzer Kelterei in der Triftstraße für Privatgebrauch und Handel nach alter Hausmannsart hergestellt.

Keine Spur von Wirtschaftskrise, hier auf dem kleinen Hof im Nordosten Berlins, dem einzigen dieser Art in der Stadt. „Wir haben viel zu tun, weil auch viele junge Familien das Mosten entdecken“, sagt Juniorchefin Daniela Laue, 36. Neu ist jetzt auch der Werksverkauf. Der Betrieb wurde in den 30er Jahren begründet und ist seit 1962 in Familienbesitz. Neulich hat sie einen alten Lieferschein gefunden, zu DDR-Zeiten orderte die Regierung den puren Saft, „so konnte mein Opa auch der Verstaatlichung entgehen“. Die kleine DDR-Flaschengröße 0,7-Liter mit Kronkorken ist ein Relikt dieser Zeit. Heute bietet der kleine Betrieb knapp einem Dutzend Mitarbeitern einen Job. Die fünf Maschinenarbeiterinnen sind seit einem Vierteljahrhundert dabei.

Noch weit älter sind die historischen Apfelsorten, die Matthias Maiwald, Fachschaftssprecher der Agrarwissenschaften an der Humboldt-Uni, aus dem Kleintransporter lädt. „Das Obst stammt von unserer traditionellen Studenten-Apfelernte, vom Ökoacker in Dahlem.“ 535 Kilo, mit dem Saft kommt das Uni-Café weit über den Winter. Kleinunternehmerin Daniela Laue hat früher im Baumarkt gearbeitet, sie sei jetzt noch Azubi bei ihrer Mutter Christina, sagt sie lächelnd. Gabelstapler fahren kann sie aber. Der Betrieb hat mehrere Filialen, beliefert auch Rewe und Edeka, Kiezmärkte, türkische Läden, die Bio Company und Hotels.

Auch Naturschutzorganisationen kippen lasterweise Obst ab. Rhabarber, Johannisbeere, Sauerkirsche, Birne, Sanddorn – dies wird jeweils aus all den Privatlieferungen zusammen gewaschen, gehäckselt, ausgepresst, erhitzt und vakuumgeschützt in Glasflaschen gefüllt. Die trockenen Apfelreste, Trester genannt, holen sich die Förster für die Wildfütterung gratis ab, sie gehen zudem an Biogas-Stromanlagen bei Frankfurt (Oder). In der Triftstraße stoppen auch Lkws mit Tomaten aus Südtirol, daraus wird ebenfalls Saft. Donnerstag ist jetzt Quittentag; die Mostsaison läuft noch bis 28. Oktober. Im Winter dann steht die Buchhaltung an, Verkostungen, Messen wie die Grüne Woche. Und die Jagd nach den kostbaren Glaspfandflaschen, die sind nämlich inzwischen viel schwerer zu bekommen als frisches Obst.

Buchholzer Kelterei, Triftstraße 2-8, 13127 Berlin, Telefon 47 47 17 60, www.buchholzer-kelterei.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben