Kiezaufpasser und ''Laberbullen'' : Kreuzberg will die Maikrawalle hinter sich lassen

Ein recht schizophrenes Bild hat Kreuzberg am 1.Mai in den vergangenen Jahren immer geboten: Im Zentrum des ehemaligen Bezirks SO 36 genossen die Anwohner in unbeschwert friedlicher Volksfeststimmung das "Myfest" mit bunten Buden und Bühnen. Keine 100 Meter entfernt jedoch reihte sich stets die Straßen hinunter ein Polizeimannschaftswagen an den anderen. Dieses Jahr ist das anders.

Karoline von Graevenitz[ddp]
Myfest Foto: dpa
"Myfest" in Kreuzberg. -Foto: dpa

BerlinDie Polizei hat sich mit ihren rund 4700 Einsatzkräften in entlegene Seitenstraßen zurückgezogen. "Wir zeigen eine nicht so starke Polizeipräsenz, weil es vor Jahren noch den Vorwurf gab, dass das provoziert", erläutert Wulf Dornblut, Polizeibeamter aus Wedding, die Sicherheitstaktik der "ausgestreckten Hand". Er ist einer der rund 100 Mitglieder des Antikonflikt-Teams, die mit ihren neongelben Westen mitten im Kreuzberger Festgeschehen verteilt sind. Ab Mittag füllt sich allmählich die Oranienstraße bis zum Mariannenplatz, nachdem sich endgültig die Sonne zeigt. "Wir sind da, aber wir sind deeskalierend", erklärt Dornblut die Rolle seines Teams. Die geschlossenen Polizeieinheiten, die früher das ultimative Angriffsziel boten, gibt es auf dem "Myfest" des Jahres 2008 nicht mehr.

Dornbusch, der mit zwei Antikonflikt-Kollegen die Naunynstraße abläuft, zählt sich längst zum integralen Erscheinungsbild der Veranstaltung. Er und weitere Beamte seien vor allem bei den Jugendlichen schon allseits bekannt als die "Laberbullen", die sich mit Leuten unterhalten und den Wunsch nach Verständigung ausstrahlen sollen. Und sie sind mit dieser Aufgabe nicht allein. Der ganze Kiez hat sich aufgemacht, seine friedliche Festtagsstimmung zu verteidigen: Zwischen den schlendernden Buden- und Bühnenbesuchern sind überall Grüppchen von Jugendlichen, die deutlich machen, dass sie zum "Team MyFest 2008" gehören.

Kiezaufpasser sorgen für Ruhe und Ordnung

Darunter ist unter anderen der 15-jährige Ibo, der mit seinen Freunden rund um den Mariannenplatz hin und her läuft. Sie sind im Auftrag des Bezirks als eine Art Kiezaufpasser unterwegs. Vor zwei Monaten sei er angesprochen worden, ob er nicht auf dem "Myfest" ein bisschen für Ruhe und Ordnung sorgen will.

Mit der Aktion sollen die Jugendlichen auch vor potenzieller Erlebnisjagd im Kiez, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten wegen seiner rituellen Mai-Krawalle bundesweit traurige Berühmtheit erlangte, abgelenkt werden. Nun erfüllen sie ihre Rolle mit sichtlichem Stolz. "Das ist schon eine nützliche Sache, was wir hier machen", sagt Ibo. 60 Euro sollen ihm für diese Aufgabe am Abend ausgezahlt werden.

Einer der Verantwortlichen für die Jugendlichen ist Kiezworker Turan Atmaca. Er ist im Auftrag des Bezirks unterwegs, spricht Jugendliche an, notiert die Namen der Interessenten und händigt ihnen die T-Shirts aus. Rund 150 Jugendliche engagieren sich heute auf diese Weise freiwillig, berichtet er. Der 36-Jährige aus der Manteuffelstraße ist bei ihnen bekannt wie ein bunter Hund. Er selbst war als Jugendlicher bei Maikrawallen dabei, wie der ausgebildete Kiezworker mit einem Grinsen gesteht.

Kein Vergleich zu den vergangenen sechs Jahren

Heute engagiert er sich für die Jugendlichen in seinem Kiez, organisiert für sie unter anderem Schulungen bei der Polizei. Das 1. Mai-Konzept für die Jugendlichen zahle sich jetzt schon aus. "Jedes Jahr wird es so ein bisschen besser. Wenn ein Jugendlicher mitmacht, bekommen es seine Freunde und die Jüngeren mit. Und dann wollen die es im nächsten Jahr nachmachen." Dass es mit ihrer Hilfe an diesem Abend ruhig bleiben wird, davon ist auch Ibo Stunden vor Einbruch der Dunkelheit fest überzeugt.

Dem pflichtet auch Dornblut bei, der in seinem Revier als Präventionsbeauftragter viel mit Jugendlichen zu tun hat. "Für die Kids hat das Signalwirkung, da Menschen jeglichen Alters zeigen, dass sie das nicht mehr wollen." Jedes Jahr gebe es weniger Ärger, da die Leute bis spät in die Nacht einfach nur feiern wollten. Ein paar Ausnahmen wie Betrunkene oder "erlebnisorientierte" Jugendliche werde es wohl geben. Doch dies sei kein Vergleich zu den Ereignissen noch vor fünf, sechs Jahren. (sba/ddp)

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