Kino historisch : Der Rhythmus der neuen Zeit

Der legendäre Film „Die Sinfonie der Großstadt“ von 1927 wurde rekonstruiert. Am Montag wird die Originalfassung mit historischem Filmkonzert aufgeführt.

Andreas Conrad
Sinfonie der Großstadt
Hektische Großstadt: Walter Ruttmann prägte das Bild von Städten mit seinem Film in den Zwanziger Jahren. -Foto: Defd

Der U-Bahn-Tunnel durch ein Wohnhaus in der Schöneberger Dennewitzstraße hatte es dem Regisseur angetan. Wieder und wieder ließ er den Zug durch die dunkle Röhre schießen, eine Vervielfachung der Szene in schnellem Schnitt montiert, hektisch, vorwärtsstürmend, selbst schon maschinenhaft in der Wiederholung, dem Motto der Zeit verpflichtet: „Tempo, Tempo!“

Eine typische Szene aus Walter Ruttmanns legendärem Dokumentarfilm „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“, der vor 80 Jahren, am 23. September 1927, im Tauentzien-Palast Premiere hatte – Anlass zu einem historischen Filmkonzert am Montag im Friedrichstadtpalast. Wobei „historisch“ ohne Weiteres im doppelten Sinne verstanden werden kann: Ein historisches Film- und Musikkunstwerk kommt wieder auf die Bühne – und dies als Versuch einer zuvor nicht möglichen Rekonstruktion des Originals, was allein schon hinreichend Grund zum Feiern ist.

Wie viele legendäre Werke aus der frühen Filmgeschichte, die mal unter der Zensur, mal unter den Zeitläuften, Kriegen zum Beispiel, zu leiden hatten, ist auch Ruttmanns Film nur mit Lücken überliefert. Und die jahrzehntelange Teilung Deutschlands verhinderte, dass dieser Zustand schon viel früher beendet werden konnte. Im Koblenzer Bundesarchiv wie im Staatlichen Filmarchiv der DDR lagerten sich ergänzende Filmrollen, die wegen der Teilung nicht zueinanderkamen. Erst im Vorfeld des Premierenjubiläums konnten die Mitarbeiter des Bundesfilmarchivs die beiden überlieferten Filmrollen miteinander und mit weiterem Material aus den USA vergleichen und daraus die optimale Fassung herausfiltern, deren Bilder zugleich optisch aufgefrischt wurden.

Die Filmkunst Walter Ruttmanns ist aber nur die eine Hälfte des Gesamtwerks. Die andere ist die Musik des Filmkomponisten Edmund Meisel. Berühmt wurde er 1926 mit der Musik zu Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“, die erheblich zum Erfolg des Films beitrug. Auch für die Uraufführung von „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ komponierte Meisel die Musik, vorgesehen für ein großes Orchester und eine Jazz-Combo. Schriftlich überliefert ist jedoch nur der Klavierauszug seiner Komposition.

Auch diese Lücke hat man jetzt zu schließen versucht. Zum Filmjubiläum haben die Sender ZDF und Arte bei dem Komponisten Bernd Thewes eine neue Orchestrierung der Meisel-Musik in Auftrag gegeben. Die rekonstruierte Originalmusik ist bei der Gala im Friedrichstadtpalast zum ersten Mal öffentlich zu hören, zur Aufführung gebracht vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung des Dirigenten und Filmmusikspezialisten Frank Strobel.

Auch S-Bahn und BVG konnten als Mitwirkende gewonnen werden: Für die Anreise wird zwischen den S-Bahnhöfen Charlottenburg und Friedrichstraße ein alter Zug aus den Zwanzigern eingesetzt, weiter geht es im historischen Bus zum Friedrichstadtpalast, mit Schaffnern in alten Uniformen und mit Fahrscheinknipsern in der Hand.

Für dieses verkehrshistorische Zusatzangebot sind die Fahrscheine allerdings schon vergeben, doch es bleiben immer noch die alten Busse und Bahnen auf der Leinwand, darunter die U-Bahn, wie sie wieder und wieder, Schnitt für Schnitt, in einem Wohnhaus verschwindet.

„Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“. 24. September, 20 Uhr, Friedrichstadtpalast. Karten zwischen 12 und 35 Euro, Vorbestellung im Kartenbüro: Tel. 2029 8715

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