Kissinger und Blumenthal : Der undenkbare Tag

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger und der frühere US-Finanzminister Michael W. Blumenthal sprechen beim Dinner im Jüdischen Museum - auf Deutsch. Beide mussten in jungen Jahren vor den Nazis fliehen.

Elisabeth Binder
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Muttersprache Deutsch. Henry Kissinger (l.) und Michael W. Blumenthal.Foto: Eventpress

Auf der Bühne im Jüdischen Museum stehen zwei Amerikaner, die es weit gebracht haben in der Politik. Michael W. Blumenthal war Finanzminister, Henry Kissinger Außenminister. Beide halten Ansprachen in ihrer Muttersprache - Deutsch. Beide mussten in ihren jungen Jahren vor dem Nazi-Terror aus Deutschland fliehen. Bei der Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz am Samstagabend versinnbildlichen sie diese Werte so stark wie die Preisträger selbst.

Als seine Familie 1938 das Land verließ, sei ein Tag wie dieser undenkbar erschienen, sagt Friedensnobelpreisträger Kissinger, der elf Familienmitglieder verloren hat. Damals war es unvorstellbar, dass er eines Tages in Berlin vor Spitzenvertretern in einem Museum spreche, das die engen Verflechtungen zeigt. „Das jüdische und das deutsche Volk haben einen weiten Weg zurückgelegt und sind dabei, die großen Tragödien ihrer gemeinsamen Geschichte zu bewältigen.“ Zu seinen Zuhörern, die an dem Jubiläumsdinner teilnehmen, zählen unter anderem Bundespräsident Horst Köhler, Richard von Weizsäcker, Christina Rau, die Minister Schäuble, Schavan, zu Guttenberg, Rösler, der Schriftsteller Imre Kertesz, US-Botschafter Philip Murphy, sein israelischer Kollege, Yoram Ben Zeev. Er gehe davon aus, dass sich die Bundesrepublik in einem historischen Prozess befinde, in dem Integration und Assimilation von öffentlicher Seite und von der zivilen Gesellschaft gefördert werden, sagte Museumsdirektor Michael Blumenthal. Und dass man bald nicht mehr von Juden in Deutschland sprechen werde, sondern von deutschen Juden.

Kissinger hält die Laudatio auf den Preis für die Bosch-Gruppe, der vom Vorsitzenden der Geschäftsführung, Franz Fehrenbach, und dem Enkel des Gründers Robert Bosch, Christof Bosch, entgegengenommen wird. Er hebt die Tugenden hervor, die in diesem Unternehmen gelebt werden, hohe Glaubwürdigkeit, soziale Verantwortung. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise könne Bosch als Vorbild wirken, heißt es in der Preisbegründung. Werte spielten eine große Rolle bei Bosch, sagt Fehrenbach in seiner Dankesrede. Er nennt Vertrauen, Zuverlässigkeit, Legalität, Fairness, kulturelle Vielfalt. Das Unternehmen hat weltweit 270 000 Mitarbeiter. Die langfristige Orientierung in die Tat umzusetzen, sei weitaus anspruchsvoller, als kurzfristig den Gewinn zu maximieren.

Den zweiten Preis bekommt der Regisseur Michael Verhoeven, der sich in seinen Filmen immer wieder mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat, indem er die deutsche Vergangenheit in die Gegenwart geholt habe, wie es sein Laudator, der Filmhistoriker Helmut Prinzler, hervorhebt. Er erinnert an den provokanten Nachspann des Films über die Geschwister Scholl, nach dem der Bundesgerichtshof die Urteile gegen die „Weiße Rose“ nie für Unrecht erklärt habe. Erst daraufhin wurden sie offiziell aufgehoben.

Vorab sahen sich die Gäste die höchst sehenswerte und viel gelobte Ausstellung „Koscher & Co. Über Essen und Religion“ an. Die können sich alle Berliner und ihre Gäste noch bis zum 28. Februar anschauen.

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