Klaus Töpfer : Al Gore aus Westfalen

Vom Salzufer aus einmal um die Welt der Klimaprobleme mit Klaus Töpfer.

Thomas Loy

Ihr stilles Verlangen nach einem Regierenden Bürgermeister Klaus Töpfer blieb unerwidert. Er sei nun mal kein Stadtpolitiker, erklärt der ehemalige Bundesumweltminister und UN-Exekutivdirektor nach seiner emotionalen Globalrede wider die Erderwärmung und die menschliche Verzagtheit. Die Damen aus der dritten Reihe haben jedes Wort des 69-jährigen welterfahrenen Grandseigneurs aufgesogen, immer wieder stumm genickt, am Ende sagt eine: „Ach, der ist ja schon Legende“, und wendet sich mit einem Seufzer zum Gehen.

Töpfer ist von der „Deutschen Gesellschaft“, einem prominent besetzten Verein zur politischen Bildung, eingeladen worden, um die Zusammenhänge der Klimapolitik aufzuklären. Treffpunkt: Hauptstadtrepräsentanz von Mercedes-Benz am Salzufer. Töpfer ist jedoch kein Ökofundi. Er glaubt an technische Revolutionen und begnügt sich mit einem kleinen Seitenhieb. Daimler bastelt seit Jahren an einem Brennstoffzellenauto, „das ist gut, muss aber noch schneller gehen, damit nicht wieder die Japaner vorne liegen“.

In Afrika sei er ein anderer geworden, erzählt Töpfer. „In Nairobi leben sie wie im Gefängnis. Bei der Polizei kann man abends einen Revolver mieten für die Nacht.“ Von Klimaschutz brauche er gar nicht erst anzufangen, dort fühle sich niemand angesprochen. Die Probleme sind viel direkter. „Der hohe Ölpreis ist für Afrika ein Desaster. Die ganzen Entwicklungsgelder gehen dafür drauf.“ Nur deshalb seien erneuerbare Energien im Süden ein Thema.

Töpfer reist mit seinen Zuhörern um die Welt, macht kurz in Berlin halt – „Wie sieht die Stadt aus, wenn 20 Prozent weniger CO2 produziert werden?“ –, bleibt die Antwort schuldig, weil er gedanklich schon nach Schanghai weitergeflogen ist – „dort wollen sie jetzt ihren blauen Himmel wiederhaben, wie in den 70er Jahren im Ruhrgebiet“ –, schnell ein Abstecher nach Mittelamerika – „in Mexiko gehen die Tortillas aus, weil der Mais als Biosprit in die USA verkauft wird“. Auch am Rhein schaut Töpfer vorbei, mit dem Fluss ist seine politische Karriere ja schicksalhaft verbunden. Am Beispiel des Hochwasserschutzes erläutert er die Probleme ökologischer Kostenverteilung. Töpfer spricht ohne Manuskript, hält den Augenkontakt, nuschelt auch gerne ins Westfälische, um dringende Botschaften mit einem Akzent zu versehen. „Wir müssen alles zugleich schaffen: volle Teller, volle Tanks, intakte Natur – dat mach ma!“ Der CDU-Politiker ist ein grüner Volksprediger wie Al Gore, baut aber immer wieder Exkurse in Wissenschaftstheorie und abstrakte Aphorismen in seinen Vortrag ein, damit das Hirn nicht vorzeitig auf Stand-by schaltet.

Die Unsicherheit über die Ursache des Klimawandels wischt er beiseite. Der Mensch müsse immer entscheiden, ohne das vollkommene Wissen zu haben. Das Risiko, aufgrund falscher Hypothesen zu handeln, sei zwar vorhanden, aber weniger CO2 an die Atmosphäre abzugeben, sei auf jeden Fall richtig. Die Damen in der dritten Reihe nicken wieder.

Töpfer reibt sich seine müden Augen. Heute muss er wieder nach Schanghai fliegen, richtig physisch. Dort unterrichtet er an der Tongji-Universität. Nein, zur Berliner Umweltzone möchte er nichts sagen. Vorher hatte er von der Idee einer City-Maut für New York geschwärmt. „15 Dollar, um nach Manhattan reinzufahren. Wenn Bürgermeister Bloomberg das schafft, dann sage ich zu mir: Prost, Klaus!“ Thomas Loy

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