Klettergarten : Immer hoch hinaus

Früher genügte Kindern ein Baum mit günstig gewachsenem Geäst, um sich die Welt von oben anzusehen. Heute muss es schon ein Klettergarten sein, und auch immer mehr Erwachsene finden Spaß an Höhenluft.

Nadine Kuhn
Klettergarten in Berlin.
Klettergarten in Berlin.Foto: dpa

Höhenangst? Aber wieso denn? Völlig unbeeindruckt balanciert die zwölfjährige Leonie in 16 Metern Höhe einen acht Meter langen Baumstamm entlang. Nur 20 Zentimeter ist er schmal, umsichtig setzt das Mädchen einen Fuß nach dem anderen. „Das war pipileicht. Papa, das schaffst du auch“, ruft sie ihrem Vater Andreas Mayer zu. Der 52-Jährige zieht die Schultern hoch, atmet tief ein und klettert vorsichtig hinterher. Und schon haben es die beiden auf die höchste Plattform des neuen Hochseilgartens MountMitte geschafft und genießen nun den freien Blick auf Fernsehturm und die nahe Mauergedenkstätte.

Klettergärten liegen in Berlin und Umgebung seit Jahren im Trend, ergänzen die eher sportlichen Angebote von Kletter- und Boulderwänden durch familienfreundliche Angebote, die jedoch auch dem Freizeitkletterer spannende Möglichkeiten bieten, den Erdboden zu verlassen. Den Park Climb Up mit Standorten in Klaistow, Strausberg und Henningsdorf gibt es seit 2006. Vor zwei Jahren öffneten der Kletterwald Wuhlheide und der Abenteuerpark Potsdam. Seit dieser Saison kann man imWaldhochseilgarten in der Jungfernheide herumturnen. Dort beginnt der Einsteigerparcours bei vier Metern, während Schwindelfreie sich auf bis zu 18 Meter schwingen können. Auch für den Stadtpark von Werder wird derzeit ein Kletterparcour geplant.

Die im August eröffnete Anlage MountMitte am Nordbahnhof aber ist Berlins erster innerstädtischer Hochseilgarten, und er hat eine weitere Besonderheit zu bieten: „Klettergärten befinden sich normalerweise im Wald, umgeben von Bäumen. Bei uns ist das Höhenempfinden stärker, weil die Konstruktion freistehend ist“, sagt Geschäftsführer Stephan Eckardt. Die 45 Tonnen schwere, sechseckige Stahlkonstruktion bietet drei Höhenebenen mit 90 Kletterstationen. Der Garten sieht keine feste Parcoursreihenfolge vor wie etwa die Anlage in Potsdam. Dadurch ist der Ein- und Ausstieg jederzeit möglich. „Wer das erste Mal in den Hochseilgarten kommt, kann hier genauso Spaß haben wie ein versierter Kletterer“, versichert Eckardt. Die Idee kam ihm und seinen beiden Partnern von BeachMitte vor zwei Jahren. Vom Erfolg ihrer Beachvolleyball-Anlage beflügelt, beschlossen sie das Projekt Hochseilgarten. „Wir wollten ein Sportkonzept entwickeln, das nicht nur im Sommer nutzbar ist.“ Wie üblich bei solchen Anlagen, geht es für die Kletterer zunächst zum Übungsparcours am Boden, ausgestattet mit Klettergeschirr, Sicherheitskarabinern und Helm. Henrike, die Trainerin, erklärt die Sicherheitsregeln. „Damit ist es kinderleicht“, sie hält zwei Karabinerhaken nach oben, die an einem Sitzgurt befestigt sind. Ein Karabiner bleibt stets geschlossen und wird erst geöffnet, wenn der andere Karabiner an einem sicheren Punkt eingehängt wird.

Sechs Routen von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad gibt es, der „Brocken-Parcours“ ist besonders für Kinder geeignet. Doch was unten noch ganz leicht aussieht, wird in drei Meter Höhe schnell zum Nervenkitzel. Aber Leonie Mayer ist schon – eins, zwei, drei – auf die andere Seite geklettert. Dann die zweite Etage: Lianenschwung, in acht Metern Höhe. Hier gibt es nur einen Gedanken, auch wenn man gesichert ist: Nicht loslassen! „Voll leicht“, ruft Leonie. Dann die dritte und letzte Etage, in 13 Metern Höhe. Dem Flachländer kann hier wohl der Puls ein wenig steigen und der Griff am Geländer wird fester.

Andreas Mayer zeigt Leonie den ehemaligen Mauerverlauf an der Bernauer Straße. Hier sind sie längst nicht mehr auf dem „Brocken“, das hier ist der „Mount Everest“. Während Leonie versucht, ihre Füße über eine Trapezschaukel zu hieven, müht sich Andreas Mayer auf einer wackligen Seilbrücke ab. „Wer hier sicher durchkommt, der kann auch zur GSG 9“, scherzt Geschäftsführer Eckardt. Doch wer darauf partout keine Lust hat, schaut sich eben aus einem schwebenden Trabi in aller Ruhe die Skyline von Berlin an.

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