Stadtleben : Kommissar Ohff ermittelt

Ein Erinnerungsabend in der Akademie

Christina Tilmann

Einen seiner schönsten, anrührendsten Texte hat der Kunstkritiker Heinz Ohff 1978 über den Garten der Hannah Höch in Heiligensee geschrieben. Ein Abschiedstext über ein Gesamtkunstwerk, das den Tod seiner Schöpferin keine acht Wochen überlebt hat: „Kunstwerke auf Papier und Leinwand kann man bewahren. Vegetative Kunstwerke zerstören sich selbst. 39 Jahre Arbeit haben ein solches geschaffen, und in acht Wochen ist es dahin.“ Es ist ein persönlicher Text, der erinnert, wie Ohff mit der achtzigjährigen Hannah Höch einst Birnen pflückte oder wie sie in einen Kaktus fiel, der ihr, wenn auch stachelig, „das Leben rettete“. Ein Text, der von langjähriger Verbundenheit mit der Künstlerin erzählt – und einer, in dem die Pflanzen, der Oleanderbusch, die Agave, die Pfingstrosen, mindestens so sehr um ihre Hüterin trauern wie der Autor: „Aus dem gepflegten Chaos wuchert ein mörderisches Durcheinander.“

Ordnung in das gepflegte Chaos der West-Berliner Kunstszene gebracht hat Heinz Ohff, von 1961 bis 1987 Kunstkritiker und Feuilletonchef des Tagesspiegels, in mehr als 1300 Kritiken, Büchern und Katalogaufsätzen. Wer immer eine Doktorarbeit über die Kunst der Mauerstadt schreiben will, wird an Ohffs in der Berlinischen Galerie lagerndem Nachlass nicht vorbeikommen. Nun, ein Jahr nach seinem Tod, hat sich noch einmal ein engagierter Freundeskreis um Lothar C. Poll zusammengetan, um den Autor zu ehren – mit einem Lesebuch, das am Mittwochabend in der Akademie der Künste am Hanseatenweg vorgestellt wurde, und einer Ausstellung in der Galerie der Kunststiftung Poll in der Gipsstraße 3 in Mitte, die bis 29. Juni läuft.

Der Mann mit dem charakteristischen Kurzhaarschnitt und der dunklen Brille ist auf vielen Fotos seiner Frau Christiane Hartmann neben den Künstlern zu sehen, die er kennt, beobachtet, porträtiert, ein Kommissar, unermüdlich unterwegs zu Ermittlungen in Sachen Kunst. Fontane, den er schätzte, hätte ihn als Figur erfinden können, so Tagesspiegel-Herausgeber Hermann Rudolph. Die Texte, die Ohff schreibt, sind persönlich, knapp, anschaulich, immer pointiert – egal, ob er über ein Salat-Happening von Wolf Vostell, über seine Erfahrungen als Kriegsgefangener in den USA oder die Königin Luise, Schinkel oder Pückler schreibt.

Nicht zu vergessen die legendären Weihnachts- und Osterrätsel, die, wie Ekhard Haack sich erinnert, so manchen familiären Festtagsfrieden retteten: Weil ganze Großfamilien in Bibliotheken ausschwärmten oder am Telefon an Lösungen feilten. Es soll sogar Anzeigen gegeben haben: „Suche Antwort Frage 7, biete Lösung 5 und 8“. Dank Ohff, so Haack, sei Berlin die gebildetste Stadt Deutschlands gewesen. Wenn das keine Leistung ist. Christina Tilmann

Lesebuch Heinz Ohff. Schreiben für die Kunst, Poll-Editionen, 19,80 Euro, auch im Tagesspiegel-Shop erhältlich

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