Konstantin Wecker : Weiße Haare, viele Gedanken

Er glaubt immer noch an Zärtlichkeit und anti-autoritäre Erziehung. Am Montag singt Konstantin Wecker in der Philharmonie.

Eva Kalwa
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Wortgewandt. Bei seinem heutigen Berlin-Auftritt will Konstantin Wecker, 62, nicht nur singen, sondern auch Gedichte von Goethe...Foto: Thilo Rückeis

„Man kann“, sagt Konstantin Wecker und streicht seinen herbstbunten Schal glatt, „weiterhin mit einer großen Zärtlichkeit an die Menschen glauben.“ Und das sei wichtig, so der 62-jährige Musiker und Autor, drehe sich doch alles im Menschen um die Sehnsucht nach Liebe. Sie steht auch im Mittelpunkt des neuen Programms „Stürmische Zeiten, mein Schatz“, mit dem Wecker am heutigen Montag in der Philharmonie auftritt (20 Uhr, Karten zwischen 25 und 58 Euro). Es trägt denselben Titel wie eine neue, von Wecker ausgewählte Sammlung deutschsprachiger Liebeslyrik. Aus ihr wird er neben seinen eigenen Liedern aus vier Jahrzehnten auch Gedichte vortragen, unter anderem von Goethe, Rilke und Benn.

Warum die Welt vor allem Liebe braucht, erläutert Wecker an diesem grauen Spätherbsttag in einem kleinen Besprechungszimmer des Charlottenburger Palace Hotels. Und obwohl ein langer Stau auf der Autobahn die Ankunft aus seiner Heimatstadt München verzögert hat, wirkt der Künstler entspannt. „Ich versuche, jeden Tag bewusst mit einem liebevollen Gefühl zu mir und meinen Mitmenschen zu beginnen“, sagt er. Von denen seien schließlich 97 Prozent „keine Soziopathen“, sondern vielfach Menschen, die versuchten, der bestehenden Gesellschaftsordnung etwas Eigenes, Konstruktives entgegenzusetzen. Ein Lebensmodell, das nicht allein auf Konsum und Kapitalvermehrung ausgerichtet sei. Das zeigen Wecker die zahlreichen Begegnungen rund um seine Konzerte und Lesungen.

Das Problem seien aber die restlichen drei Prozent, denn ausgerechnet die seien in Deutschland an der Macht. „Unsere Politiker und Wirtschaftsbosse existieren alle nur in ihrem eigenen Universum und haben den Bezug zur Normalität und ihr Mitgefühl für andere komplett verloren“, empört sich Konstantin Wecker. Traurig sei er darüber, dass der Begriff „Kultur“ im Bundestagswahlkampf überhaupt nicht gefallen sei. „Auch in Berlin werden doch die Möglichkeiten, nicht in erster Linie von ökonomischen Zwängen diktierte, kontroverse Kultur zu machen, immer spärlicher.“

Seine dreizehn und elf Jahre alten Söhne Valentin und Tamino – der Musiker ist ein großer Mozart-Fan – versucht Wecker ebenfalls zu kritischen Denkern zu erziehen: mit anti-autoritärer Erziehung. „Das heißt nicht, auch wenn meine Söhne dies im Kampf um die Internet-Hoheit gern anders sehen, den Kindern keine Grenzen zu setzen. Es bedeutet, sie liebevoll zu Skeptikern gegenüber Autoritäten zu erziehen.“ Wecker selbst hat in dem Alter bereits viel gelesen, vor allem Lyriker wie Georg Trakl.

Bald möchte er nach mehreren Gedichtbänden, Romanen und der Autobiographie „Die Kunst des Scheiterns“, in der er schonungslos über seine frühere Drogensucht berichtet, auch wieder ein Buch schreiben. „Das Leben selbst diktiert mir das Thema”, sagt Konstantin Wecker lächelnd. Denn er sei kein hübscher Macho mehr, sondern jemand, den er selbst bereits 1977 besungen hat: „Der alte Kaiser“ – ein Mann mit weißen Haaren und vielen Gedanken.

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