Konzert : Chicago forever

Diese Band hat den Jazz in die Rockmusik gebracht, hat Bigbands auf der ganzen Welt beeinflusst. In den Siebzigern hatte sie ihre beste Zeit, morgen tritt sie in der Zitadelle auf. Eine Liebeserklärung

Susanne Leimstoll
Chicago
Old days. Kleine Truppe, großer Sound. -Foto: akg-images

Den Schriftzug kann ich noch immer auswendig: ein großes C, dessen oberer Schnörkel zum i-Punkt wird, das h, eingebettet in das C. Und, ganz wichtig, das G, dessen untere Rundung beinahe den Ausläufer des Anfangsbuchstabens berührt und dessen Linie einen großen Bogen um das finale O beschreibt. Das Markenzeichen einer Band, meiner Band. Höhere Kalligrafie, mein Schrift gewordenes Mantra. Ich ritzte es mit Hilfe einer Zirkelspitze in eine der letzten Massivholz-Schulbänke meines verhassten Gymnasiums. Ausdruck meiner großen Liebe zu einer Band und ihrem Musikstil: Bläser-Sätze mit Trompete, Posaune, Saxofon, die zuvor kein Mensch in der Rockmusik für möglich gehalten hatte, zu Kerlen, die frech genug waren, Jazz intelligent zu kommerzialisieren. Die, kompliziert arrangiert, sechsstimmig sangen. Zu Typen, die alle komponieren und arrangieren konnten. Ich, süße 14, Tochter eines Musikers, war ihr treuester Fan – 20 Jahre lang. Hatte mein Zimmer mit ihren Postern gepflastert, riskierte bei ihren Deutschlandkonzerten jeden Hörschaden, und hatte nur ein Problem: Sollte ich nun den Posaunisten oder den Keyboarder heiraten? Irgendwann Anfang der Neunziger habe ich sie verlassen – oder sie mich. Jetzt sehen wir uns wieder. Chicago, die Revoluzzer unter den Rockern, kommen nach Berlin. Am Mittwoch spielen sie in der Zitadelle. Und nur, falls jetzt jemand abfällig grinst: Die allseits bekannte Schnulze „If you leave me now“ steht nicht für ihren Stil!

Was sich ja noch immer keiner klar- macht, wahrscheinlich, weil es keinen außer mir interessiert: Der Stil von Chicago, den man Jazz-Rock nannte, hat die Bigband-Musik revolutioniert, weltweit, auch die in Deutschland. Na gut, die wirklich ersten waren Blood, Sweat and Tears, deren Milliardenseller „Spinning Wheel“ jetzt für einen Telekom-Werbespot herhalten muss. Diese Jazzer erschütterten die Musiklandschaft 1969 mit Rock plus nie gehörten Bläsersätzen, mit Klassik-Zitaten und der gepressten Stimme ihres Sängers David Clayton Thomas. Ich liebte sie. 1970 kam mein Vater mit einer anderen LP nach Hause und sagte: „Da, das ist die Gegenband.“ Sieben Jungs, alle außer einem in Chicago geboren. Kleine Besetzung: Bass, Gitarre, Keyboard, Trompete, Posaune, Saxofon/Flöte, Schlagzeug. Aber das klang riesig. Laut und rotzig und ohne Rücksicht auf gängige Stile.

Auf ihrem Debütalbum 1969 nannten sie sich noch „Chicago Transit Authority“ nach örtlichen Verkehrsbetrieben. „Chicago II“, die Doppel-LP, die mein Vater im Gepäck hatte, machte sie groß. Single-Auskopplungen wurden Hits. Pro Jahr produzierten sie durchschnittlich zwei Alben. Ein neuer Sound in Charts, die voll waren von „Bubblegum-Music“. Rock mit kraftvollen Bläsersätzen und Jazz, manchmal Free-Jazz. Ab und zu Balladen, viel versponnene Improvisation, politische Texte. „Jazz-Rock“ wollten sie ihren Stil nie nennen, lieber „Rock with horns“, Rock mit Blechbläsern. Musik, die einen wegpustete und viel Spaß machte. Musik, an der sich in Deutschland Bigbands wie Max Greger, Kurt Edelhagen, Peter Herbolzheimer orientierten. Jeder hatte plötzlich solche Bläsersätze in seinen Arrangements.

Ich, der „B lood, Sweat & Tears“-Fan, lief sofort zur Konkurrenz über. Ihre Musik war gefälliger. Und, na ja: Die Jungs sahen besser aus. Ihre ersten zehn Alben wurden – in den Siebzigern und Achtzigern eine Hifi-Neuheit – in Quadrofonie veröffentlicht, für Stereoanlagen mit vier Lautsprecherboxen. Wir hatten so was zu Hause. Wer mich besuchen kam, wurde mit Chicago nicht unter zwei Stunden bestraft. Ich hatte geduldige Freunde. Während andere auf Partys gingen, vereinsamte ich unter Kopfhörern in unserer Kellerbar. Man könnte sagen, Chicago war schuld daran, dass ich rein flirttechnisch zum Spätentwickler wurde.

Während BS&T nach ein paar Jahren ohne Fortune von der Bildfläche verschwanden, blieb Chicago erfolgreich. Nicht zuletzt mit einem Trick: kommerzielle Songs in den Charts platzieren, auf den LPs und in den Konzerten die andere Musik spielen, die ihnen Spaß macht. Für den Kommerz war vor allem Sänger Peter Cetera zuständig. Seine Balladen brachten den größten Erfolg: „If you leave me now“ (1976), 16 Wochen lang Nummer eins der britischen Single-Hitparade, „Hard to say I’m sorry“, „You’re the inspiration“. An einem Morgen 1978 weckten mich die Radionachrichten mit der Meldung, Gitarrist Terry Kath, ein Waffennarr, habe sich aus Versehen erschossen. Man munkelte: russisches Roulette. Dumm gelaufen. Ein Schock für mich, ein größerer für die Band. Sie zerbrach beinahe, fand dann doch einen anderen Gitarristen und platzierte 1982 mit „Chicago 16“ ihr in Deutschland meist verkauftes Album. 1987 erhielt es Gold. 1985 ging Goldkehlchen und Bassist Peter Cetera und machte solo Karriere. 1992 bekam die Band einen Stern auf dem Walk of Fame. Da hatte der Erfolg schon nachgelassen. 1993 nahmen die Musiker ihr 22. Album auf – weg von den vielen Balladen, back to the roots, ein paar neue Gags, einen Rap inklusive. Die Plattenfirma Warner hielt es für nicht kommerziell genug. Man trennte sich.

Jetzt, Anlass für die Tournee, kommt die nie veröffentlichte CD als 32. Album auf den Markt. Eines, von dem einzelne Titel bisher allenfalls als Bootlegs, also nicht autorisierte Mitschnitte, kursierten. Das Cover mit dem Titel „Stone of Sisyphus“ zeigt das Logo in einen Felsen gemeißelt, den der geplagte Held aus der griechischen Mythologie eben den Berg hinaufwuchtet. Chicago, mehr als 100 Millionen verkaufte Alben, 25 mal US-Platin, 21 Top-Ten-Singles, packen es noch mal an. Von den alten Sieben sind noch vier dabei: Robert Lamm (Keyboards), Lee Loughnane (Trompete), Walter Parazaider (Sax und Flöte) und James Pankow (Posaune), der auch die Bläsersätze arrangiert. Jason Scheff ist seit 1986 Bassist bei Chicago, Keith Howland seit 1995 Gitarrist, Tris Imboden seit 1990 Schlagzeuger und Bill Champlin seit 1981 als Keyboarder, Gitarrist und Sänger dabei.

Das neu veröffentlichte Album, man muss es leider sagen, haut einen nicht vom Sitz. Vielleicht, weil man alles irgendwie kennt. Chicago kann sich nicht mehr neu erfinden. Die langhaarigen Jungs sind älter geworden, leiser gottseidank nicht. Geheiratet habe ich auch keinen von ihnen. Die Frage, lieber Pianist Robert Lamm oder Posaunist James Pankow, ist unentschieden. Immerhin stand ich Letzterem in meinen ersten Berlinjahren erheblich näher: Da wohnte ich in Pankow.

Das Konzert beginnt am Mittwoch um 19 Uhr (Karten ab 50 Euro).

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