Stadtleben : Konzert gegen Klassenkeile

Zehntausende feierten mit ihren Stars

Sebastian Leber

Zuerst war es so harmonisch. Die jungen, meist weiblichen Fans jubelten vor der Bühne, Sängerin LaFee jubelte zurück („Ihr seid so geil, Berlin“). Mia-Frontfrau Mieze hatte Engelsflügel dabei. Und US5-Sänger Jay Khan nannte das Konzert eine „mega-mega-megatolle Sache“. Es war genau das, was sich die Veranstalter von der Jugendzeitschrift „Bravo“ erhofft hatten: ein friedliches, gemeinsames Zeichen gegen Gewalt an Schulen, direkt vor dem Brandenburger Tor. Der einzige Konflikt betraf zunächst die Teilnehmerzahl. Der Veranstalter sprach von 110 000 Besuchern, die Polizei zählte weniger als die Hälfte.

Dann kam Bushido. Der Berliner Rapper wurde mit Jubelgeschrei empfangen. Noch am Vortag hatten ihn die Veranstalter in Schutz genommen und behauptet, Bushido sei entgegen anderslautender Gerüchte weder frauen- noch schwulenfeindlich – und außerdem der perfekte Botschafter für ein friedliches Miteinander, weil er wie kein anderer zu Jugendlichen sprechen könne. Das sah dann so aus: Gleich zu Beginn überzog Bushido seine Kritiker mit Schimpfworten. Besonders ausfällig äußerte er sich über die Schwulengruppen, die sich in der Nähe zu einer Protestkundgebung versammelt hatten: Zunächst bedachte er sie mit dem ausgestreckten Mittelfinger, dann riet er ihnen, beim Analverkehr auf Verhütung zu achten. Letztlich sei es ihm aber egal, ob seine Widersacher „demonstrieren oder sich aufhängen“, bekannte der Rapper und bekam dafür Applaus.

So hatten sich das die Veranstalter sicher nicht vorgestellt, der Moderator des Abends meinte anschließend betont humorvoll, aus der Fülle des Gesagten könne man ja ein ganzes Buch schreiben. Nach Bushido standen noch die Popstars Gentleman und Sarah Connor auf dem Programm, aber hunderte Fans verließen das Gelände vorzeitig. Sie waren offenbar hauptsächlich wegen des umstrittenen Rappers gekommen.

Vor dessen Auftritt hatte „Bravo“-Chefredakteur Tom Junkersdorf noch an die Jugend appelliert. Es sei „cool“, mutig zu sein und im persönlichen Umfeld keine Gewalt zuzulassen. Gestern hielten sich alle an die guten Ratschläge. Die 330 Personen, die im Laufe des Tages medizinisch betreut werden mussten, hatten allesamt Schwächeanfälle erlitten. Selbst die zerstrittenen Mädchenbands Monrose und Bisou krümmten sich gestern hinter der Bühne kein Haar. Und das will etwas heißen: Noch vor kurzem waren deren Sängerinnen – ebenfalls im Rahmen einer Bravo-Veranstaltung – wild übereinander hergefallen. Sebastian Leber

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