Konzert : Jean Michel Jarre: Der Elektrofachmann

Mit 61 Jahren geht Jean Michel Jarre endlich auf Welttournee. Am Freitag gibt’s in der Max-Schmeling-Halle Elektronik-Bombast.

 Stefan Jacobs
Jean Michel Jarre.
Jean Michel Jarre. -AFP

Als Künstler sagt man ja möglichst etwas Nettes über die jeweils nächste Stadt, in der man auftritt. Jean Michel Jarre gibt sich daher vorab besondere Mühe, indem er „eine Menge ganz spezieller Verbindungen mit Berlin“ zu Protokoll gibt. Etwa im Alter zwischen sechs und zwölf sei er fast jedes Jahr hier gewesen, um seinen Cousin zu besuchen, der sich um die Verpflegung der französischen Alliierten gekümmert habe. Jarre hat Berlin als irgendwie aus der Zeit gefallene Insel mit eigenwilliger Subkultur in Erinnerung und sagt, dass die heutigen Berliner wohl gar nicht ahnen, in welch wertvollem Biotop sie wohnen. „So, wie manche Pariser den Eiffelturm nicht mehr sehen.“

Zwischen den Berlin-Besuchen des Ferienkindes Jean Michel und der aktuellen Tournee des 61 Jahre alten Weltstars der elektronischen Musik liegen sowohl Bau als auch Fall der Mauer sowie vier Jarre-Ehen und ungefähr 80 Millionen verkaufte Jarre-Platten. Wobei die alten die erfolgreichsten waren: Oxygène, Equinoxe, Magnetic Fields. Jarre hat vor dem Papst gespielt, für die Astronauten der verunglückten „Challenger“ in Houston, vor den Pyramiden von Gizeh, in Moskau zum 850. Stadtjubiläum und 1981 gleich fünfmal in China – als erster westlicher Künstler seit Maos Tod. Das Land muss ihn zutiefst beeindruckt haben. „Die aktuellste Musik, die die Chinesen damals kannten, waren nicht Elvis oder die Beatles, sondern Debussy und Ravel.“ Jarre erinnert sich an ein Meer aus (zwangsweise) grün und blau gekleideten Menschen, zwischen denen Kinder herumsprangen „wie bunte Blumen“.

Die Auftritte im kommunistischen China wurden ihm oft vorgehalten, aber Jarre fand es besser, vor einer Milliarde Menschen im Staatsfernsehen auf Chinesisch „Liberté, Egalité, Fraternité“ zu sagen, als vom gemütlichen Paris aus zu Boykotten aufzurufen. Zumal Texte in Jarres Musik – bis auf die Ausnahme namens „Metamorphoses“ – nicht vorkommen. Nachdem er sich mit seinen bombastischen Licht-Laser-Klang-Spektakeln, mehrere davon vor Millionenpublikum, ein paar Einträge im Guinness-Buch der Rekorde sichern konnte, hat Jarre vor zwei Jahren technisch wieder abgerüstet. Statt die Menschen wie Däumlinge ins tosende Lichtermeer zu werfen, holte er die alten Analog-Synthesizer raus und ließ auf der von einer Handvoll Scheinwerfer in Lounge-Gemütlichkeit getauchten Bühne des Friedrichstadtpalastes das längst zum musikalischen Weltkulturerbe gehörende „Oxygène“ aus den 30 Jahre alten Sperrholzkästen blubbern. Jarre und seine drei von Keyboards umzingelten Mitspieler im Hintergrund wirkten wie Handwerker, die mit sichtlicher Freude an der Arbeit ein saalfüllendes Klanggebilde schnitzten. Schön war das, weil es so beruhigend altmodisch war.

Nun also will Jarre das Beste aus beidem kombinieren. Handgefertigen Indoor-Bombast, gewissermaßen. Er sagt, jetzt endlich seien die Hallen technisch gut genug, „um die Magie eines Outdoorkonzerts in einen Raum zu holen“. Deshalb startet er seine erste Welttournee als 61-Jähriger. Er gibt in diesem Jahr mehr Konzerte als in den 30 Jahren zuvor.

In Berlin ist es sein vierter Auftritt; bei der Premiere Mitte der 90er in der Waldbühne waren ein Drittel der Plätze von der Technik für Jarres Licht- und Lasershow belegt. Weil Laser nichts besonderes mehr und Synthesizer live nach wie vor nicht allzu sexy sind, will Jarre das Publikum in seine multimediale Zauberwelt einbeziehen. Details verrät er nicht, nur so viel: Es gibt Überraschungen für alle – womöglich auch für ihn selbst: Das ganze Konzert vorab in den Computer einzuprogrammieren, fände er unpassend. „Dann kann zwar weniger schiefgehen, aber so wird es authentischer.“

Während ihm das Brimborium auf seinen Konzerten gar nicht gewaltig genug sein kann, vermittelt Jarre selbst den Eindruck eines erstaunlich normal gebliebenen Menschen. Bei ihm müssen keine Fragen vorab eingereicht und genehmigt werden. Nur eine bleibt offen: Warum er mit 61 noch immer so aussieht wie 41. Seine Managerin zuckt auch nur mit den Schultern und sagt: „Sie sollten mal seine Mama sehen. Die ist fast hundert und sieht aus wie sechzig.“

Jean Michel Jarre; Freitag, 05. März, Max-Schmeling-Halle, 20 Uhr. Restkarten für 59–88 Euro unter www.berlin-ticket.de.

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