Konzerte : Sing Sing

Für The Ting Tings und T-Mobile wird das ehemalige Frauengefängnis Kantstraße zum Konzertort.

Andreas Conrad
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Blond ist Trumpf. Katie White von der Indie-Band The Ting Tings ist für wilde Auftritte berühmt. Foto: AFP

„San Quentin, I hate every inch of you.“ Die erste Songzeile, und das Publikum raste vor Begeisterung. Johnny Cashs Auftritt 1969 im San Quentin State Prison ist sicher das berühmteste Konzert in einer Haftanstalt. Viele Musiker haben es ihm nachgemacht, Metallica am selben Ort, Uriah Heep in Rottenburg, Cash selbst war auch im Folsom Prison – und nun The Ting Tings an diesem Wochenende in Berlin. Das britische Indierock-Duo steht also in einer langen Traditionsreihe – und kann sich doch nicht darauf berufen. „Ich hätte nur sagen müssen: Brecht aus, und sie hätten es getan“, erinnerte sich Cash an die Stimmung im Publikum. In Berlin strömen sie freiwillig in den Knast und finden diesen Ort wohl auch noch cool, auf jeden Fall gruselig – zu Recht.

Denn das 1985 geschlossene Gefängnis in der Charlottenburger Kantstraße 79, ohnehin kein Ort des Frohsinns, hat eine teilweise düstere Vergangenheit, über die man sich hinwegsetzen kann, aber sie bleibt bestehen. Meist ist der Zellentrakt hinter dem Gebäude des dortigen Amtsgerichts im Dornröschenschlaf versunken, der verwaltet wird von der BIM, der 2003 vom Land gegründeten Berliner Immobilienmanagement GmbH. Angeboten wird das alte Gefängnis etwa als Drehort, so entstanden hier Szenen für „Der Vorleser“ mit Kate Winslet. Und nun eben haben sich die Veranstalter der „T-Mobile Street Gigs“ eingemietet, verlosen 300 Karten für das Konzert am Samstagabend.

„Die besten Bands, wo sie keiner erwartet“ – so lautet das Motto der Konzertreihe. Ob nun The Ting Tings zu den besten zu zählen sind, bleibe dahingestellt, aber fraglos gehören sie derzeit zu den angesagten: Vor drei Jahren von der Sängerin und Gitarristin Katie White und dem Schlagzeuger Jules De Martino gegründet, schafften sie es vor Jahresfrist mit ihrem Song „Shut Up and Let Me Go“, in einen iPod-Werbespot zu rutschen. Mit der Single „That’s Not My Name“ verdrängten sie sofort Madonna von der Spitze der britischen Single-Charts. Und ihr Debütalbum „We Startet Nothing“ verkaufte sich bereits mehr als 650 000 Mal. Und nun darf die blonde Katie über die Bühne des stillgelegten Knastbaus in Charlottenburg toben, der vielfach als ehemaliges Frauengefängnis bezeichnet wird, aber in seiner Geschichte verschiedene Funktionen erfüllte. So wurde er etwa in den fünfziger Jahren als „Vollzugsanstalt (weibliche Jugend)“ genutzt.

Das dunkelste Kapitel war aber die NS-Zeit. In der Kantstraße waren viele Frauen aus dem Widerstand inhaftiert, bevor sie ins KZ kamen oder sogar in Plötzensee unterm Fallbeil endeten. In der Kantstraße saß zum Beispiel die USPD-Politikerin Ottilie Pohl, die 1943 in Theresienstadt starb und nach der die Pohlstraße in Tiergarten benannt ist. Auch Reinhild Gräfin von Hardenberg, die Verlobte von Stauffenbergs Adjutanten und Mitattentäter Werner von Haeften, kam nach dem 20. Juli 1944 ins Frauengefängnis. Vor einigen Jahren gab es die Initiative eines Wilmersdorfers, dort eine Gedenktafel aufhängen zu lassen. Das wurde vom damaligen Kultursenator Thomas Flierl begrüßt, die Tafel gibt es noch immer nicht.

The Ting Tings, 9. Mai, 20 Uhr, Kantstraße 79 in Charlottenburg. Restkarten werden noch bis 8. Mai unter www.t-mobile-streetgigs.de verlost.

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