Kreative Ideen : Arbeitsplatz am Bundestagstisch

Zwei Berlinerinnen haben eine Bürogemeinschaft mit besonderem Ambiente geschaffen. Für Freiberufler bietet das "Wostel" die Möglichkeit, rund um die Uhr und in Ruhe zu arbeiten.

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Foto: David von Becker
Foto: David von Becker

Alte Koffer, ein ausrangierter Rollladen als Fußboden, an den Wänden Bilder mit Verpackungsmaterial von anno dazumal und jede Menge Möbel, die Geschichte erzählen: Im „Wostel“ dreht sich alles ums Wegfahren und Ankommen, ums Bleiben und Station-Machen. Die Geschäftsführerinnen Marie Jacobi und Chuente Noufena bieten mit ihrem neuen „Co-working-space“ im Neuköllner Reuterkiez Freiberuflern aus Berlin und der ganzen Welt professionelle Arbeitsmöglichkeiten im Vintage-Ambiente.

„Bürogemeinschaften mit gesichtsloser Einrichtung gibt es in Berlin bereits“, sagt Jacobi, die sich auch privat für Möbel aus den 30er bis 60er Jahren begeistert. Die 31-jährige Textildesignerin und die 29-jährige Marketingberaterin Noufena kennen sich aus der Schulzeit am Französischen Gymnasium in Tiergarten und haben die Entwicklungen im Reuterkiez in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt. Als sie das Angebot für 150 restaurierte Quadratmeter in der Hobrechtstraße bekamen, sagten sie zu. „Hier leben zahlreiche Freiberufler, lange oder nur vorübergehend. Viele wollen nicht allein zu Hause oder in lauten Cafés arbeiten“, weiß Jacobi, die ihre Diplomarbeit über Kreative im Reuterkiez geschrieben hat.

Einer dieser Freiberufler ist Malte Forstat. Der 33-Jährige ist Übersetzer und hat fünf Jahre lang zu Hause gearbeitet. Im „Wostel“ hat er sich im hinteren Zimmer mit den roten Wänden, den dunklen Möbeln und dem großen Teppich für knapp 250 Euro einen der sechs längerfristig verfügbaren Arbeitsplätze gemietet. Mit einer schnellen Internetverbindung, Drucker-, Küchen- und Spindbenutzung und mit der Möglichkeit, rund um die Uhr hierherzukommen und in Ruhe zu arbeiten. „Zu Hause konnte ich die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben nur schwer ziehen. Jetzt gelingt mir das besser“, sagt Forstat.

Das vordere Zimmer ist größer und in lebendigen Farben gehalten, es hat breite Fenster zur Straße raus. Hier gibt es über zehn weitere Arbeitsplätze für rund zwölf Euro pro Tag und Platz und man kann es sich auf Barhockern aus dem Gorki-Theater und an 60er-Jahre-Tischen aus dem Bundestag bequem machen. Eine restaurierte Schiebetür aus der stillgelegten Staubsaugerfabrik im Hinterhaus führt in den Empfangsbereich, wo kleine Designartikel aus Berlin verkauft werden, und von dort in den sogenannten „Transitroom“. In der früheren Toreinfahrt stehen heute ein rotes Sofa, ein Bauhaus-Hocker und ein antiker Sekretär. Die roten und beigefarbenen Wandfliesen sind über 100 Jahre alt, an der Decke sind noch die Dellen sichtbar, die zu hohe LKW hinterlassen haben.

In diesem Raum finden nicht nur Modeschauen und Seminare statt – so unterrichten zwei amerikanische Professoren, die über Facebook auf das „Wostel“ aufmerksam wurden, bald ihre Design-Studenten hier – sondern auch kreative Speeddatings mit Cocktail und Bastelspielen. „Auch wir setzen hier Ideen um, die wir schon lange hegen“, sagt Noufena. Da bald ein Hostel im Hinterhaus eröffnet, kann man dann auch leichter auf Übernachtungsanfragen reagieren. Zurzeit ist das nur improvisiert möglich.

Hobrechtstraße 66. Mo-Sa 10 bis 18 Uhr. Kreativ-Speeddating am 23. Februar ab 19.30 Uhr (19 Euro). Anmeldung und Infos auf www.wostel.de oder unter der Telefonnummer 69 00 44 35.

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