Kreuzberg : Das Herz einer Boxerin

Eva "Rocky“ Rolle war Deutschlands einzige Boxpromoterin. Jetzt hat die Lebenskünstlerin eine Bar in Kreuzberg.

Johanna Lühr
kreuzberg
Leben wie in der Achterbahn. Eva "Rocky" Rolle ist eine Legende in der Berliner Boxszene und Deutschlands einzige...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wenn sie in Rage kommt, möchte man nicht ihr Feind sein. Dann verengen sich ihre Augen zu Schlitzen, ihre Beinmuskulatur ist gespannt, Füße in Highheels.

Eva „Rocky“ Rolle, 53, war die einzige Profiboxmanagerin Deutschlands, jetzt hat sie eine Bar in Kreuzberg aufgemacht. Dazwischen liegt viel Action. Als Buch wäre ihr Leben ein Bestseller, sagt sie. Als Kurzfassung ist es auch schon nicht schlecht.

Eva Rolle sitzt in einem schwarzen Ledersessel in ihrer Bar Marciano in der Urbanstraße. Gold glitzert an den rot gestrichenen Wänden, über die Barhocker sind Weihnachtsmannmützen gezogen, Boxfotos und -pokale zieren die Bar. Vor Eva Rolle liegt eine Packung „Pall Mall“.

Ganz in der Nähe ist sie aufgewachsen. In der Oranienstraße, bei ihren Großeltern. Bis sie zwölf Jahre alt war, dachte sie, es seien ihre Eltern. Ihre Mutter, die bei ihrer Geburt 16 war und ein paar Straßen weiter wohnte, hielt sie für ihre Tante. Erst als eines Tages die Polizei vor der Tür stand, erfuhr sie die Wahrheit. Die Mutter wollte sie zurück, nun konnte sie sich entscheiden: zu ihrer Mutter oder ins Heim. Sie ging ins Heim – aber nicht lang. Nach ein paar Stunden sprang sie aus dem Fenster und landete im Krankenhaus. Ihre Großmutter holte sie noch am selben Tag zurück.

Was blieb, ist das Misstrauen und das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Und sie wehrt sich mit Händen und Füßen. „Ich hab mir noch nie etwas sagen lassen“, sagt Eva Rolle. Und entdeckt das Boxen. Der Großvater, ein Ofensetzer, groß wie ein Schrank, weckt die Enkelin wenn er morgens um fünf die Boxkämpfe aus Amerika im Fernsehen anguckt. Muhammad Ali und Ken Norton, toll. Ein Zweikampf mit fairen Regeln, auf die man sich verlassen kann. Regeln, die es in ihrem Leben nicht gibt.

Mit 18 heiratet sie. Sie bekommt zwei Söhne und macht eine Kneipe auf, ihr Mann hilft nicht viel. Dafür malocht sie umso mehr. Sie arbeitet in einer Agentur, bei einem Magazin. 1997 kehrt sie in die Welt des Boxens zurück. Den Sport den sie liebt, auch wenn sie selber nie geboxt hat. „Das waren halt andere Zeiten für Frauen damals“, sagt sie.

Aber ihr Sohn will trainieren und der braucht einen ordentlichen Club, findet Mutter. Und eröffnet ihre eigene Halle in Oberschöneweide. Bald trainieren dort vier Profiboxer und der Juniorenweltmeister, Danny Thiele. Auch Jugendliche, die sie mit ihrem Projekt „Doppeldeckung“ von der Straße holt.

Die Halle läuft gut. Gregor Gysi, Ben Becker, viele Berliner Boxfans kommen bei ihr vorbei. Sie ist bekannt. „Wenn die Kameras an waren, haben immer alle gesagt, toll, Frau Rolle!“, sagt Eva Rolle. So wie Graciano Rocchigiani, der ehemalige Boxweltmeister, dem sie half, aus dem Knast zu kommen. Er wolle sich dafür um ihr soziales Projekt mit den Jugendlichen kümmern. Und was ist passiert? „Gar nichts hat er gemacht, der Penner!“

Sie dreht an ihren runden Klipohrringen. „Aber wart mal ab, es kommt noch besser.“ Als sie sich in einen Boxer verliebt. Sie will die Scheidung von ihrem Mann, der willigt nicht ein, also heuert sie eine Prostituierte an, die ihn verführen soll. „Ruf mich an, wenn ihr so weit seid, dann komm ich und ertapp euch in flagranti“, sagt sie und so geschah es. Einen Monat bezahlte sie die Prostituierte noch weiter. Dann war die Scheidung durch.

Nur der Boxer war bald weg. Allerdings erst als sie ihm bis nach Afrika gefolgt war. Dort eröffnete sie eine Strandbar und einen Boxstall, ihr Freund ging zurück zu seiner Frau nach Spanien. Als sie dann zurück nach Deutschland kam, lagen Haftbefehle gegen sie vor. Einer wegen Waffenbesitzes. Damals hatte sie ein Maschinengewehr überm Bett hängen, auf dem Flohmarkt gekauft, als Wanddekoration. Leider hingen drei volle Magazine daneben.

Sie kommt ins Gefängnis. Es ist das Gebäude, wo damals ihr Kinderheim war. „Da dachte ich, jetzt schließt sich der Kreis“. Doch sie macht weiter. Arbeitet während der Bewährungszeit für eine Reinigungsfirma und beeindruckt den Autohausinhaber, der die Wagen bereitstellt, so sehr, dass er ihre Idee, eine Bar zu eröffnen sofort unterstützt. Sieben Monate nach ihrer Entlassung sitzt sie jetzt als Gastgeberin im Marciano, die Boxerin, die Kämpferin, und wartet auf Gäste. Und wehe, sie kommen nicht!

Marciano, Urbanstraße 34, täglich ab 16 Uhr, www.marciano-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben